Res publica Europa

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Das IETM (International Network for Contemporary Performing Arts) setzt sich aus über 500 Organisationen und Einzelmitgliedern zusammen, die in der freien Szene vor allem in Europa, aber auch weltweit in Theater, Tanz, Zirkus, Performance-Kunst und Medienkunst arbeiten. Zu den Mitgliedern gehören Festivals, Produktionsfirmen, Produzenten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Das Netzwerk trifft sich zweimal im Jahr in verschiedenen europäischen Städten und darüber hinaus auf kleineren Konferenzen weltweit. Als erstes europäisches Netzwerk für die freie Szene besteht das IETM seit 1981 und ist mit dem europäischen Projekt (EU) eng verknüpft. Das Akronym selbst steht für Informal European Theatre Meeting, die Organisation firmiert inzwischen unter der Bezeichnung „Internationales Netzwerk für freie darstellende Künste“.

„The European Republic under Construction“, Bayerische Akademie der Schönen Künste, mit Robert Menasse, Kathrin Röggla und Axel Tangerding. Foto: Regine Heiland, Silke Schmidt
„The European Republic under Construction“, Bayerische Akademie der Schönen Künste, mit Robert Menasse, Kathrin Röggla und Axel Tangerding. Foto: Regine Heiland, Silke Schmidt

Das im Titel genannte Wort ‚Netzwerk‘ ist keine beliebige Etikette, sondern benennt eine spezielle Organisationsform, die sich durch eine gewisse Freiheit der Verbindungen auszeichnet, aber trotzdem mehr bedeutet als nur regelmäßig stattfindende Treffen. Insofern ist die Entwicklung des IETM vom informellen Treffen zum Netzwerk folgerichtig und durch einen gewissen Grad an Formalisierung gekennzeichnet. Als 1981 das erste Treffen im Rahmen des Polverigi Festivals in Italien stattfand, war internationale Kooperation im Wesentlichen durch staatliche oder quasistaatliche Institutionen organisiert. Das Innovative am IETM war die Selbstorganisation professioneller Theaterkünstler durch individuelle Mitgliedschaften. Erst 1989 erfolgte die formale Gründung als gemeinnütziger Verein (notfor-profit international organization) nach belgischem Recht mit einem Sekretariat in Brüssel und Mitgliedsbeiträgen.

Netzwerke
Ein Netzwerk ist mehr als eine lockere Bezeichnung. Es ist eine Organisations- und Kooperationsform, die durch laterale statt durch hierarchische Verbindungen gekennzeichnet ist. In seinem Buch Türme und Plätze: Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht (2018) unterscheidet der Historiker Niall Ferguson anhand des räumlichen Metapherpaares zwischen Hierarchien (Turm) und Netzwerken (Platz).1 Mit der Einführung der Druckerpresse dominieren am Anfang der frühen Neuzeit Netzwerke den sozialen und wirtschaftlichen Austausch: Von protestantischen Zirkeln über Handelsrouten bis hin zu den Freimaurern existieren Netzwerke in recht unterschiedlichen, aber auch wirkungsmächtigen Formen. Ab circa 1790 beginnt nach Ferguson die Epoche der Hierarchien (Staaten mit ihren Bürokratien, große Firmen, permanente Armeen), die erst in der jüngsten Zeit aufgrund des Siegeszugs digitaler Technologie wieder durch Netzwerke infrage gestellt werden. Obwohl die Unterscheidung, wie Ferguson zugibt, etwas vereinfacht ist, kann man mit Gewinn seine Thesen zu Netzwerken und deren Macht und Einfluss lesen. Das Wort Netzwerk ist ubiquitär, was aber nicht davon ablenken soll, dass der theoretische Begriff und die Netzwerkanalyse als Methode über durchaus klare und definierbare Konturen verfügen. Wir sind alle Teil von sozialen Netzwerken, die aus Freunden und Familienmitgliedern, Sportvereinen und nicht nur Facebook-Freunden bestehen. Handelsnetzwerke gibt es seit der Steinzeit, um Bedürfnisse zwischen räumlich getrennt lebenden Gruppen besser zu befriedigen. Während Hierarchien (vom Altgriechischen ‚Herrschaft eines hohen Priesters‘) dazu tendieren, Macht zu konzentrieren, erfüllen Netzwerke eher die gegenteilige Funktion, menschliche Beziehungen zu egalisieren und zu distribuieren.

Obwohl das Wort ‚Netzwerk‘ bzw. ‚network‘ vor Ende des 19. Jahrhunderts kaum belegt ist, hat sich die Netzwerkanalyse als Theorie und Methode schnell etabliert. Egal, ob mathematisch, historisch oder soziologisch, Netzwerkanalyse unterscheidet immer zwischen ‚Knoten‘ und ‚Kanten‘, wobei die Knoten normalerweise Akteure und die Kanten die Verbindungen zwischen ihnen repräsentieren. Diese Verbindungen oder Beziehungen werden wiederum im Hinblick auf ihre Zentralität, ihren Grad und ihre Nähe untersucht. Zwischenzentralität bedeutet zum Beispiel, über welchen Akteur die meisten Informationen in einem Netzwerk vermittelt werden bzw. über wen die meiste und die wertvollste Kommunikation läuft: Das sind in Familiennetzwerken häufig die Mütter, in Firmen die Sekretärinnen. Des Weiteren unterscheidet die Netzwerktheorie zwischen homo- und heterophilen Netzwerken. Homophil sind diejenigen, die durch stark affektive Beziehungen zusammengehalten sind, wie z. B. Familien oder Clans. Heterophile Netzwerke sind durch schwache Verbindungen gekennzeichnet. Paradoxerweise sind die schwachen, heterophilen Netzwerke die wertvolleren, wenn es darum geht, Innovationen und deren Verbreitung zu fördern. Homophile Netzwerke tendieren zur Geschlossenheit und Abschottung, während heterophile Netzwerke aufgrund ihrer ‚schwachen‘ internen Verbundenheit für Austausch und neue Ideen viel offener sind: Sie bauen Brücken zwischen anderen, oft disparaten Netzwerken. Heterophile Netzwerke bieten viele ‚strukturelle Löcher‘, das sind Lücken zwischen den Knoten und Clustern, in die Innovationen stoßen und Fuß fassen können. Dieser Prozess wird meistens durch Vermittlerfiguren (brokers) ermöglicht.

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