Staging Postdemocracy

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Es ist außerordentlich selten und ein riesiges Privileg, dass eine frei organisierte Theatertruppe den Auftrag bekommt, vier Produktionen innerhalb einer thematischen Klammer zu entwickeln. Dass diese Produktionen von einer Nicht-Theater-Institution ins Leben gerufen wurden, zeugt von einer gesunden Ignoranz vor der Menge der zu bewältigenden Probleme oder aber von einer starken utopischen Idee: Können die Stadt- und Staatstheater, die in ihrer historischen Struktur höfisch oder höchstens städtisch begründet sind, überhaupt eine Konstruktion stemmen, die über Landes- und Währungsgrenzen hinausführt? Schon die Konstruktion dieses Unternehmens wäre ein geeignetes Feld für eine Forschungsarbeit in Sachen Organisation und die vielen Verhandlungen von Intendanten und Betriebsdirektoren, tausende von Mails wegen Absprachen, Reisekosten, technischen Details – ein weites Feld für Theaterhistoriker der Zukunft. Es wurde wieder einmal erlebbar, dass das deutsche Theatersystem hauptsächlich darauf eingerichtet ist, Produktionen im Haus und für das Haus zu produzieren – und gleichzeitig wurde genau das Gegenteil gegen alle Schwierigkeiten realisiert. Dass dieses komplizierte Unterfangen tatsächlich stattfand, ist allen Beteiligten – und der substantiellen, notwendigen Förderung – hoch anzurechnen und könnte als ein Pilot angesehen werden, ähnliche Cluster zu veranstalten.

Wer die Arbeit von Rimini Protokoll kennt, weiß, dass auch bei dem Thema Postdemokratie kein politisch agitatorisches Werk entsteht, keine anklagenden Enthüllungsstorys im Mittelpunkt stehen und ebenso wenig Konflikte so weit getrieben werden, dass es schmerzt. Rimini Protokoll befasst sich phänomenologisch mit Themen. Der Probenarbeit geht ein langer Rechercheprozess voraus. Das Besondere bei diesem Prozess liegt darin, dass das Zentrum der Spirale erst mit der Bewegung selbst geklärt werden kann. Erst wenn der Rechercheprozess beendet ist, wird klar, wonach gesucht worden ist. Für jedes Projekt sieht dieser Weg etwas anders aus, bedingt durch die Örtlichkeiten, die Thematik, aber auch die Personen, die diese Suche vorantreiben. Prozesse bei Rimini Protokoll bedeuten – nach vorheriger Klärung des Weges – fast immer kollektive Prozesse, was nicht bedeutet, dass andauernd nur gemeinsam gearbeitet werden kann, sondern dass gleichzeitig verschiedene Stränge von verschiedenen Akteuren aufgespannt werden, je nach der eigenen Interessenlage, die aber immer wieder mit den anderen abgeglichen wird. So gleicht die Suche – um in dem Bild des Weges zu bleiben – weniger einer Expeditionstruppe mit einem Guide als vielmehr einer Gruppe Flaneure, die einzeln losziehen und ihre Welt erkunden, um dann bei einem Kaffee gegenseitig die Entdeckungen mitzuteilen. Dadurch wächst ein gemeinsamer Erfahrungsraum, der zum Zentrum der Arbeit wird und zu einem Profilraster für das Casting von Performern entwickelt werden kann.

Die Vorsilbe in Postdemokratie weist zwar auf etwas Zurückliegendes, eröffnet aber auch eine andere Blickrichtung, da der andere Wortteil, Demokratie, keine Zeitspanne per se bezeichnet. Von möglichen Bedeutungen des Begriffs und dessen Deutungen schreiben fast alle Autoren in diesem Band, vor allem aber Lukas Bärfuss, Timon Beyes und Ganga Jey Aratnam. Der Begriff hat in der politischen Philosophie eine bestimmte Konjunktur angesichts der heutigen Krise der Demokratie, die darin besteht, dass populistische Politiker mit „undemokratischer“ Agenda innerhalb des vorherrschenden demokratischen Systems zur Macht kommen. Ihr „undemokratisches“ Handeln führt demnach zu einem Sterben der Demokratie, zumindest einer Demokratie, wie sie davor bekannt war oder die (von jemand anderem) als die richtige betrachtet wird. (Siehe Foa u. Mounk 2016; Mounk 2018; Levitsky u. Ziblatt 2018; van Reybrouck 2016, u. a.) Nicht zufällig handeln viele dieser Auseinandersetzungen von der demokratischen Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. In der Tat ist dieser politische Aufstieg schon zeitlich eng mit dem Projekt Staat 1–4 verbunden: Trumps Wahlkampf nahm ich nicht wirklich ernst und verfolgte ihn nur nebenbei in der Presse, in der Wahlnacht 2016 schlief ich tief und fest und glaubte am Morgen danach meinen Ohren nicht. Einige meiner Freunde drängten mich (erfolglos) dazu, unsere Aufführungen von Staat 1 in New York abzusagen. Die Inauguration und die Women Marchs im Januar 2017 erlebte ich live in Stanford und San Francisco und zur Premiere von Staat 4 verwandelte Trump das WEF in die größte Theaterbühne der Welt. Welche unglaublichen Entscheidungen unter Trump auch fallen mögen, das „Konzept Postdemokratie“ geht definitiv nicht auf seine Rechnung, es ist um einiges älter (u. a. Agamben, Badiou, Nancy, Zˇ izˇek et al. 2012; Crouch 2004; Blühdorn 2006; Rancière 2002; Wolin 2001; Mouffe 2011; Ritzi 2014) und widerspiegelt die Tatsache, dass Demokratie eben gerade kein fixer Zustand ist, in dem man sich befindet oder eben nicht, sondern ein Bestreben bezeichnet, das etwas mit einem immer neuen Definieren und Aushandeln zu tun hat. „Demokratie gibt es nicht und es hat sie nie gegeben“, sagt Ingolfur Blühdorn (2013: 131). Es gehe nur darum, dass man daran arbeitet, wie Demokratie aussehen sollte. Mit dem postdemokratischen Paradox beschreibt Blühdorn die Bürger, die sich einerseits von vielen „Verpflichtungen und Normen, die mit dem früheren Demokratieideal einhergingen, befreien wollen“ (S. 134) und andererseits mehr Erwartungen an Selbstbestimmung und Partizipation haben. Als Ausweg schlägt er die Simulation als Methode vor und meint damit Rituale wie eine Bundestagswahl, bei der kaum unterscheidbare Parteien antreten. Simulation in diesem Sinne wäre zwar ein Herrschaftsinstrument in den Händen der Mächtigen, die die Regeln der Praktiken dieser Simulation erstellen würden, aber sie würde „von einer breiten Koalition gesellschaftlicher Akteure getragen“ (S. 139).

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