Staging Postdemocracy

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Der Blühdornsche Ansatz ist für Staat 1–4 deshalb sehr interessant, weil er inhaltliche Aspekte (Demokratie per se, Wahlen, politische Entscheide) mit Fragen des Formats (Regeln, Normen) und dem Umgang mit den Bürgern (Partizipation) bespricht. Analog zu dieser Trias des politischen Feldes, so mein Vorschlag, kann eine Dreiteilung in der Analyse der Inszenierungen von den vier Theaterproduktionen erfolgen: Thema, Format und Interaktion. Rimini Protokoll als zeichnende Autoren und Regisseure sind nicht nur Gastgeber der Theatervorstellung, sondern sind ebenso verantwortlich und bestimmend für die Themenwahl und die Entwicklung eines Stücks (dramatischer Text, Skript). Die Arbeit auf der inhaltlichen Ebene begann 2015 und dauerte kontinuierlich über die Recherchen, das Casting, die Textarbeit mit den Performern bis in die Probenarbeit hinein an. Die thematische Essenz lässt sich im Theaterbereich am leichtesten kommunizieren, wenn auch nur scheinbar. Es wird vorausgesetzt, dass ein Regieteam schon Monate vor Probenbeginn auf einer Pressekonferenz erklären könnte, worum es denn gehen wird. Kurzinhaltsangaben in Spielplanleporellos gehören zum Theateralltag wie das Parteiprogramm zum Wahlkampf. Oft ist aber nicht der Inhalt das bleibende Element beim Besuch einer Theatervorstellung. Das Theatererlebnis wird – zumindest in einigen zeitgenössischen Produktionen – wesentlich von den beiden anderen Aspekten, Form und Interaktion, geprägt.

Der Diskurs über die Form der Produktion läuft bei Rimini Protokoll ständig parallel zu anderen Diskursen ab, manchmal sogar auch komplett isoliert. Ohne dass dies von Beginn an klar definiert wurde, zeichnete sich bald ab, dass die vier Produktionen völlig verschiedene Theaterformen bedienen würden. So treten bei einer Produktion gar keine Darsteller mehr auf (Staat 1), bei zwei Produktionen (Staat 1 und 2) spielen Kopfhörer eine wichtige Rolle, Programmierer von smarten Geräten stoßen zum Kreativteam (Staat 1 und 3), es gibt kein Bühnenbild (Staat 1) und nur in einer Produktion (Staat 4) sitzen die Zuschauer auf Theaterstühlen. Verbindende Gemeinsamkeit ist der Umstand, dass keine Produktion eine Theaterbühne im klassischen Sinne bespielt und eine gegebene und gebaute Trennung von Bühne und Zuschauerraum benutzt. Die Räume sind elementare Bestandteile dessen, was die Inszenierung erschaffen kann. Sie bedienen und erweitern den zeitgenössischen Trend immersiver Kunst in verschiedenen Bereichen (siehe das Programm der Berliner Festspiele). Doch nicht nur die strukturierenden und atmosphärischen Elemente der Szenographie prägen die Form. Theater war schon immer ein Labor für die Benutzung von technologischen Neuheiten und Rimini Protokoll gehört seit seiner Gründung zu einem der Vorreiter in dieser Hinsicht. Der Einsatz von digitalen Smartdevices als Ortungs- und Navigationsgerät (Staat 1) oder als Umfrage-/POLL-Station (Staat 3), Gestenerkennung (Staat 1) oder algorithmusunterstützte Dramaturgie (Staat 1 und 3) sind nur ein Beispiel dafür. Auch klassische Medien werden in einer Art benutzt, wie dies im Theaterbereich nicht üblich ist: simultane Beschallung von acht Teilgruppen im selben Raum (Staat 2) ebenso wie 360-Grad-Videoprojektionen (Staat 4). Die Formate lassen sich in Untertitel und Kurzbeschreibungen zumindest eingeschränkt beschreiben: interaktives Hör-Stück in einem Museum (Staat 1), simultane szenische Baustellenführung (Staat 2), interaktives Wahl-Stück für eine Zuschauer-Cloud (Staat 2) und eine WEF-Simulation (Staat 4).

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