Staging Postdemocracy

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Doch immer häufiger drängte sich eine Frage in die Konzeptions- und Probenprozesse: Wozu wird man eingeladen? Mit „man“ sind keine Rollen oder Performer gemeint, sondern die Zuschauer. Die Frage nach der Rolle des Publikums, nach den Möglichkeiten des Handelns und nach den Erwartungen an das Mitmachen des Publikums ist bei diesen Produktionen ebenso zentral wie die thematischen oder formalen Fragen. Wie schon bei anderen Produktionen (beispielsweise Situation Rooms, Weltklimakonferenz, Call Cutta, Remote X oder Hausbesuch Europa) geht es nicht nur um die Erstellung eines Stückes, sondern um die Erfindung und Realisierung eines Settings, einer Situation, in der das Publikum gebeten wird, eine Rolle einzunehmen, die sich von einer gewöhnlichen Zuschauerrolle unterscheidet. Der Zuschauer ist eingeladen, für einen gewissen Moment in die „Schuhe von jemand anderem zu schlüpfen“, „einen anderen Hut aufzusetzen“ oder einfach aus der Perspektive einer anderen Person auf eine Sache zu schauen. Manchmal passiert dies durch ständiges Gehen (Staat 1), manchmal kann man dabei sitzen bleiben (Staat 4). Bei Staat 1–4 bleiben die Situationen deutlich als ein „Als-ob“ gekennzeichnet. Es ist immer klar, dass man nicht wirklich ein CEO ist, sondern sich gerade darüber bewusst wird, was man wissen müsste, wenn man ein CEO wäre (Staat 4). Es ist klar, dass es (noch) kein intelligentes Regierungssystem gibt, aber wir spielen durch, was wäre, wenn es das schon gäbe (Staat 3). Natürlich ist man kein Agent – aber wie würde man sich als ein Agent im Museum bewegen (Staat 1). Und man denkt nie, dass man sich wirklich auf einer Baustelle befindet, auch wenn man einen Helm aufsetzt (Staat 2). Damit macht Rimini Protokoll die Zuschauer zu Komplizen, Mitspielern und Mitgestaltern der Simulationen, zu denen sie als Publikum geladen sind. Die verschiedenen Umgangsweisen mit dem Publikum gehören vielleicht zu den wesentlichsten Merkmalen dieser Tetralogie und man könnte durchaus behaupten, dass Staat 1–4 eine Studie zur Phänomenologie des Zuschauens und Mitmachens in zeitgenössischen Theatersettings sind.

Staat 1–4 wären in diesem Sinne keine Inszenierung der Vorführung von postdemokratischen Phänomenen, sondern funktionieren – so die retrospektive Betrachtung des mitverantwortlichen Dramaturgen – als Labor. Installierte Simulationen und Modelle gewisser Sphären laden das Publikum dazu ein, innerhalb der vom künstlerischen Team gesetzten Rahmen, für einen bestimmten Moment andere Perspektiven einzunehmen und Positionen auszuprobieren. 

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