Staging Postdemocracy

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Was bleibt von einem so langen Prozess, von diesem Weg von drei Jahren? Ein Teil mündet natürlich in den Aufführungen, die aber zu einem bestimmten Zeitpunkt abgespielt sind und dann höchstens als Videodokumentation weiterexistieren. Was ist aber mit den Partikeln, die nicht auf der Bühne landen, was ist mit den Gedanken, die im Laufe der Proben den Kürzungen zum Opfer fielen, was ist mit den Ideen, die sich technisch (noch) nicht realisieren ließen? Wo bleiben die Notizen und Skizzen, die erstmal in die Leere führten, aber vielleicht doch ein Wissen über das Feld abbilden? Obwohl gewisse Abläufe und Phasen der dramaturgischen Arbeit bei Projekten von Rimini Protokoll aussehen wie journalistisches oder gar wissenschaftliches Arbeiten, am Ende fließen sie doch in ein künstlerisches Werk, das als Theaterinszenierung funktionieren muss und dabei gewissen Gesetzmäßigkeiten von Zeigen und Anschauen folgen muss. Das Ziel dieses Buches ist zum Ersten der Versuch einige dieser losen Fäden, die in der Inszenierung nicht zu sehen sind, aufzudecken und festzuhalten, indem von allen Produktionen eine Art Recherchetagebuch erstellt wurde. Ein Logbuch dieser Spurensuche – auch dies wieder kollektiv gesammelt und verdichtet. Snapshots, geschossen mit den stets paraten Smartphones, ergänzen auf der visuellen Ebene diese Texte und ermöglichen dabei einen Blick außerhalb des Theaterraumes.

Zum Zweiten soll die Publikation der Vergänglichkeit von Theaterinszenierungen entgegenwirken. Dies war der Anlass für die fotografische Dokumentation der Inszenierungen. Der Hamburger Fotograf Benno Tobler hat sich darauf eingelassen, jeweils für mehrere Tage kurz vor den Premieren bei den Proben dabei zu sein und ungewöhnliche Perspektiven auf die Vorstellungen zu finden, die weder die Beteiligten noch die Zuschauer jemals einnehmen konnten. Er wurde fast zum Teil der Inszenierung, was es ihm ermöglichte, sogar während der Vorstellungen in großer Nähe zu den Performern und Zuschauern Bilder zu machen, ohne zu stören. So sind seine eindrücklichen fotografischen Essays nicht nur eine Dokumentation des Bühnengeschehens, sondern eben auch der Interaktionen mit dem Publikum.

Der Abdruck der Anfangstexte der Inszenierungen, dem Anliegen verpflichtet, für ungewöhnliche Theaterformate eine grafische Entsprechung zu finden, folgt ebenfalls dem Anspruch des Festhaltens. Das Skript ist bei Rimini Protokoll immer mehr als ein rein dramatischer Text, entsteht es doch parallel zu den Proben als ein Dokument in der Cloud, auf das verschiedene Teammitglieder Zugriff haben. Es enthält das gesprochene Wort der Performer, das mit ihnen zusammen während der Proben entwickelt wird, aber auch alle nötigen Informationen für die Licht-, Ton- und Video-Operators, die Requisite und die Inspizienz, die während der Vorstellungen zusammenarbeiten. Meistens werden diese Dokumente nicht veröffentlicht, da ihre Lektüre nicht gerade kulinarisch ist, aber hier zeugen die „Stückauszüge“ für eine Arbeitsweise von Rimini Protokoll, die normalerweise nicht sichtbar ist.

Damit komme ich zum dritten Anliegen dieser Publikation, die darin liegt, den Arbeiten Staat 1–4 eine erweiterte Bühne zu bauen und örtlich und zeitlich jenseits der Theatervorstellung mit den Diskursen der Postdemokratie zu verweben. Dazu wurden theaterfremde Wissenschaftler aus den Bereichen Soziologie (Gabriela Muri, Dieter Läpple, Ganga Jey Aratnam, Timon Beyes), Kulturwissenschaften (Gabriela Muri), Medienwissenschaften (Timon Beyes, Mathias Fuchs), Urbanistik (Gabriela Muri, Dieter Läpple) und Wirtschaftswissenschaften (Hannah Trittin, Ganga Jey Aratnam) eingeladen, aus ihrem Blickwinkel auf die Inszenierungen zu schauen und ein Essay zu schreiben, das diese Welten verbindet. Zwei dieser sechs Essays sind deshalb interessant, da sie von Mitspielern (Ganga Jey Aratnam, Dieter Läpple) verfasst wurden, die die Erfahrungen bei der Stückentwicklung einbeziehen konnten.

Schließlich packt das Buch alle vier Produktionen, die als eigenständige Theaterproduktionen funktionieren und gespielt werden, zwischen zwei Buchdeckel, versucht sie zu klammern und als eine Sammlung zu sehen. Der Schriftsteller Lukas Bärfuss hilft mit seinem Pamphlet gegen einen jammernden Gebrauch des Begriffs Postdemokratie mit und fordert, eigene Möglichkeiten zu erweitern und selber aktiv zu werden. Diese Publikation erscheint gleichzeitig zur „Gesamtschau“ in Berlin, wenn zum ersten Mal alle vier Teile zur gleichen Zeit am selben Ort gesehen werden können. Damit soll kein Abschluss markiert werden. Das Buch soll dabei helfen, immer wieder die Frage neu zu stellen: Wie wollen wir leben? Und was können wir dafür tun?

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