Staging Postdemocracy

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Die letzten Worte dieses Vorworts werden in der Nacht geschrieben, in der deutsche Parteien in tagelangen Sitzungen darum ringen, einen Koalitionsvertrag für eine erneute Regierung unter Angela Merkel zu formulieren. Dies ist gelungen. Nun entsteht die unter demokratischen Gesichtspunkten sehr skurrile Situation, dass die Mehrheit einer Partei diesem Vertrag zustimmen muss. Nicht die Bevölkerung oder die Wahlberechtigten, nicht die Mitglieder aller beteiligten Parteien, sondern nur die Mitglieder der einen Partei, die im September 2017 die historisch schlechtesten Ergebnisse erreichte und eigentlich überhaupt nicht in eine Regierungsverantwortung eintreten wollte. Der Entscheid sollte beim Erscheinen dieses Buches klar sein und wenn alles gut geht, dann wird Angela Merkel nach 16 Jahren als längste Nachbarin des Hauses der Kulturen der Welt in die Geschichte eingehen. Dass sich das Haus der Kulturen der Welt dafür entschied, das Projekt Staat 1–4 als Teil von 100 Jahre Gegenwart in Nachbarschaft zur Regierungschefin in Szene zu setzen, ist insofern interessant, als das Haus der Kulturen der Welt ein Geschenk aus der Nachkriegszeit des demokratischen Volkes der USA war (oder einzelnen Vertretern davon) und die Aufgabe hatte, Deutschland (und der ehemaligen Hauptstadt Berlin) wieder zu einem größeren Demokratieverständnis zu verhelfen. Auch da ließe sich etwas über „postdemokratische Verhältnisse“ sagen, wurden doch einige der Veranstaltungen inoffiziell mit Geldern der CIA finanziert. Doch das gehört zu einem anderen Projekt von 100 Jahre Gegenwart.

Literatur:

Agamben, Giorgio et al (2012), Demokratie?: eine Debatte. Berlin.

Blühdorn, Ingolfur (2006), „Billig will ich. Post-demokratische Wende und simulative Demokratie“. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 19 (4), S. 72–83.

Blühdorn, Ingolfur (2013), „Das etablierte Lamento trägt nicht zur Veränderung bei“. In: Indes Bd. 2, Ausgabe 3 2013, S. 131–141.

Crouch, Colin (2008) [2004], Postdemokratie. Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm. Frankfurt am Main.

Foa, Roberto Stefan/Mounk, Yascha (2016), „The democratic disconnect“. In:Journal of Democracy 27.3 (2016), S. 5–17.

Levitsky, Steven/Ziblatt, Daniel (2018), How Democracies Die. Danvers, MA.

Mounk, Yascha (2018), Der Zerfall der Demokratie. Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht. München.

Mouffe, Chantal (2011), „‚Postdemokratie‘ und die zunehmende Entpolitisierung“. In: APuZ 1–2/2011, S. 3–5.

Rancière, Jacques (2002), Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt am Main.

Rancière, Jacques (1997), „Demokratie und Postdemokratie“. In: Badiou, Alain/Rancière, Jacques/Riha, Rado: Politik der Wahrheit. Wien.

Ritzi, Claudia (2014), Die Postdemokratisierung politischer Öffentlichkeit. Kritik zeitgenössischer Demokratie – theoretische Grundlagen und analytische Perspektiven. Wiesbaden.

Van Reybrouck, David (2016), Gegen Wahlen: warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen.

Wolin, Sheldon (2001), Tocqueville between two worlds. Princeton u. Oxford.

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