Welt als Kulisse

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„Der Sturm“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Münchner Kammerspiele 2007, Foto: Arno Declair  „Der Sturm“ von William Shakespeare, Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Münchner Kammerspiele 2007, Foto: Arno Declair

1. Basel Blicke

Im April 2001 stieg die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes in Basel gemeinsam mit mir auf eine Hügellage namens Bruderholz, ein reizvolles Stadtquartier mit zum Teil sehr exquisiten Eigenheimen. Barbara Ehnes hatte mich gebeten, ihr eine idealtypische Wohngegend zu zeigen, die das Basler Bürgertum repräsentiert.

Nun spazierten wir auf dem Bruderholz und Barbara Ehnes beschrieb mir die unterschiedlichen architektonischen Zugriffe, fotografierte raffinierte Einzelheiten, manchmal auch nur Blumenkübel mit Geranien. Wir waren auf Recherche für Stefan Bachmanns Inszenierung „Biedermann und die Brandstifter“. Max Frischs Stück sollte die folgende Spielzeit eröffnen.

Auf dem Bruderholz in Basel betrachteten wir die unterschiedlichen Eigenheimvariationen. Barbara Ehnes erklärte mir die Besonderheiten dieses bevorzugten Wohngebiets, die großen Fenster, durch die die schüttere Möblierung zu sehen war, die modischen Formholzstühle, das futuristische Design der Stereoanlage, das aufsehenerregend blinkte.

Wir betrachteten auf dem Bruderholz Schweizer Selbstverwirklichung par excellence.

Und Barbara Ehnes beschrieb und fotografierte und wir schlenderten durch das Quartier, bis neben uns ein Fahrzeug der Kantonspolizei Basel-Stadt hielt und uniformierte Herren freundlich nach unseren Ausweisen und unserer Mission fragten und uns baten, das Quartier schnellstens zu verlassen, es habe Beschwerden von Anwohnern gegeben. Barbara Ehnes erklärte klar und bestimmt, wir recherchierten über Biedermänner und Brandstifter und um diese Welt genauer zu beschreiben, seien wir hier. Die Schweiz oder besser das Bruderholz sei Kulisse für unsere Recherche, um daraus Kulissen für das Theater zu bauen.

Schweizer Kantonspolizisten sind geduldig, aber mit dem klaren Hinweis, dass nur erlaubt sei, was nicht störe, wurde uns unter Androhung von Ordnungsgeld nahegelegt, schnellstens das Weite zu suchen, falls wir, statt Schweizer Gardinen zu betrachten, nicht hinter schwedischen den Resttag verbringen wollten.

Wir kehrten leicht benommen in das Theater zurück, aber auch beglückt. Wir hatten die Besonderheit der Schweiz kennengelernt, als wir aus dem Theater heraustraten, durch die Gegend spazierten, Erfahrungen machten, um letztendlich das, was wir sahen und erlebt hatten, als Episode zu erzählen. Die Schweiz ist eben ein Gefängnis, wie Max Frisch schon sagte.

Das Bühnenbild, das Barbara Ehnes dann für Stefan Bachmanns Inszenierung entwarf, war jedenfalls ein in Edelbeton gefasstes drehbares Konstruktionsgerüst, das ein offenes Haus darstellte mit viel sauberem Schweizer Design in Wohn-, Schlaf- und Esszimmer für die Familie Biedermann und einem leeren Dachboden, wo die Brandstifter hausten.

Im Hintergrund waren jeweils links und rechts Großfotos der Basler Stadtkulisse zu sehen. So verwies das Bühnenbild auf die Umstände vor Ort, die durch Bezüge zur nationalkonservativen Schweizer Volkspartei des Christoph Blocher und ihrer Brandstifter-Mentalität mit zusätzlichen Texten und Originalzitaten in der Aufführung ausgeweitet wurde. Die Biedermanns bewegten sich in ihrer grau designten, von rechten demagogischen Dauerwahlkampfparolen gefluteten Wohnung wie Figuren in einem Ausstellungsraum, bei denen das Design das Bewusstsein bestimmt.

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