„Heut gehn wir in’s MARXIM …“

Schauspieldirektion am Schauspiel Köln 1968 – 1979

Köln 1968: Aufbruchsstimmung wie überall im Land. Doch die Atmosphäre in der rheinischen Karnevalsmetropole war nicht annähernd vergleichbar mit Berlin oder Frankfurt am Main, den Hochburgen der APO. Freilich, auch in Köln hat es Demonstrationen gegeben: gegen die Fahrpreiserhöhung der Verkehrsbetriebe, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Springerpresse; an den Hochschulen Sit-, Teach- und Go-ins; und auch Rudi Dutschke hatte ein Jahr zuvor mal vorbeigeschaut. Insgesamt aber verharrte die politische Protestbewegung in der stockkatholischen Domstadt in einer gewissen Provinzialität. Symptomatisch war, dass RCDS („Ring Christlich-Demokratischer Studenten“, eine der CDU nahestehende Hochschulgruppe) und KSU („Kölner Studenten-Union“, eine Vereinigung katholischer Korporationen) den AStA der Kölner Universität stellten und in dieser Funktion alle Aktionen linker Gruppierungen scharf verurteilten. Dennoch, selbst solch weichgespülte Studentenbewegung sorgte in der Öffentlichkeit für Erregung.

"Hamlet" von William Shakespeare. Mit: Wolfgang Robert. Köln 1979. Foto: Stefan Odry
"Hamlet" von William Shakespeare. Mit: Wolfgang Robert. Köln 1979. Foto: Stefan Odry

Auf mindestens ebenso heftige Ablehnung sowohl in der Bevölkerung als auch im Rat der Stadt stießen jenseits des vordergründig Politischen aktuelle Strömungen der künstlerischen Avantgarde, die im Unterschied zur studentischen Revolte sich nicht in den Dienst irgendeiner sozialutopischen Umwälzung stellten, sondern die Revolutionierung von Kunst proklamiert hatten. So war Köln 1968 zum Zentrum der Fluxus- und Happeningbewegung (Wolf Vostell, Nam June Paik) geworden, des Undergroundfilms und der neuen Videokunst um die Gruppe X-Screen, des Galeriewesens und der Art Cologne, der bedeutendsten Kunstmesse der Welt für Gegenwartskunst, der Neuen Musik um Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel und der Popmusik (Can). Und schließlich gab die Literaturszene mit Heinrich Böll, Jürgen Becker, Günter Wallraff, Dieter Wellershoff und Rolf Dieter Brinkmann dem kulturellen Klima der Stadt ihre Prägung. Alles gefördert und zum Teil erst ermöglicht durch den weitsichtigen, charismatischen und für alles Experimentelle aufgeschlossenen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg.

In dieser Situation wurden an den Mehrspartenbetrieb „Bühnen der Stadt Köln“ Claus Helmut Drese als Generalintendant und Hansgünther Heyme als sein Oberspielleiter engagiert. Ein Team vom Hessischen Staatstheater, wo Heyme mit seinen Inszenierungen von Wilhelm Tell und Marat/Sade einen riesigen Theaterskandal entfesselt hatte. Als Schüler und einstiger Assistent von Erwin Piscator stand Heyme für ein politisch provokatives Theater, für ein Theater, das nicht bloßes Entertainment, Klassikerpflege und bildungsbürgerliche Unterhaltung versprach, sondern politisch aufklären und bewegen wollte. Dieser Ruf war ihm aus Wiesbaden vorausgeeilt. In Köln erwarteten deshalb die einen, die antiautoritäre Linke, mit übersteigerten Hoffnungen einen sozial-revolutionär gestimmten Gesinnungsgenossen, die anderen, die „Werktreue“-Ideologen, voller Graus einen der jungen, widerborstigen Theaterzertrümmerer. Für die gesamte Kölner Ära sollte die Spaltung des Publikums bestimmend werden; die Situation eskalierte in der Premiere von Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung (1971), die in einem tumultartigen Aufstand mündete, als unter den Augen des „Knechts des Kapitals“, des obrigkeitshörigen Luther (Götz George) der Revolutionär Thomas Münzer zu Tode gefoltert wurde – und das splitternackt. Umgehend forderten die Ratsfraktion der CDU und die Lokalpresse die fristlose Entlassung von Heyme und Drese, abgefangen jedoch vom Kölner Kulturdezernenten, der stabilsten Stütze Heymes in der Stadt.

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