Applied Theatre: Theater der Intervention

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Unter dem Schlagwort social turn wird in den Geisteswissenschaften seit einigen Jahren wieder vermehrt über das Gesellschaftliche und das Politische der Künste nachgedacht. Zwei jüngere Veröffentlichungen von Shannon Jackson (Social Works: Performing Art, Supporting Publics, London/New York 2011) und Claire Bishop (Artificial Hells: Participatory Art and the Politics of Spectatorship, London 2012) stehen prägnant für diese Tendenz. Zum einen gelingt ihnen mühelos der Brückenschlag zwischen bildender Kunst, Fotografie, Performancekunst und Theater, d. h., politische Kunst wird nicht mehr strikt nach Gattungen differenziert, sondern in ihrer Interdisziplinarität erfasst.1 Zum anderen ergeben sich politische Wirkungen für beide Autorinnen gerade daraus, dass Kunstwerke bzw. Aufführungen eine Reflexion über ihre materiellen und institutionellen Voraussetzungen in Gang setzen. Bevorzugt besprochen werden von Jackson und Bishop solche Arbeiten, die ihre eigene Infrastruktur, Produktionsbedingungen und Finanzierungsformen zum Thema machen. Und schließlich gewinnt man in beiden Büchern den Eindruck, dass eher integrative als konfrontative Strategien zur Debatte stehen. Das Zauberwort, vor allem in Bishops Argumentation, lautet ‚Partizipation‘ – und zwar in dem Sinne, dass soziale Gruppen, die in der Öffentlichkeit sonst wenig wahrgenommen werden, eine Bühne, einen Ausstellungsraum oder ein anderes sichtbares Forum geboten bekommen sollen.2

Im Kontext dieser Art sozial engagierter Kunst gilt es, den Blick auf ein Theater zu richten, das meist außerhalb der Kunstsphäre situiert wird und das sich in Deutschland – anders als in Großbritannien und den USA – bisher weitgehend jenseits des Interesses der Theaterwissenschaft entwickelt hat. Im Englischen dient der Begriff applied theatre als Sammelbezeichnung für Theaterprojekte mit expliziter politischer, pädagogischer oder therapeutischer Intention.3 Es handelt sich um Projekte, die sich an klar definierte Zielgruppen richten: Dorfgemeinschaften, Stadtteilgruppen, Patienten, Klientinnen, Häftlinge, Betriebsbelegschaften, Angehörige genau eingegrenzter sozialer Milieus, jedenfalls Gruppen, die explizit benannte soziale Merkmale teilen. Da diese Art von funktional bestimmtem Theater in verschiedenen Formen existiert – vom Dokumentarstück über das Improvisationstheater bis hin zum Psychodrama –, fällt es schwer, anhand eines einzelnen Beispiels die Besonderheiten solcher Projekte zu verdeutlichen. Auf Schwierigkeiten stoßen auch Versuche einer Übertragung des englischen Begriffs ins Deutsche. Wörtlich müsste man applied theatre mit ‚angewandtes Theater‘ übersetzen, aber dieser Begriff kann zwei falsche Assoziationen wecken: Einerseits ist im Deutschen ‚Angewandte Theaterwissenschaft‘ eine etablierte Bezeichnung; sie steht für das an der Universität Gießen entwickelte Modell eines zugleich wissenschaftlich-theoretisch und künstlerisch-praktisch ausgerichteten Studiums, in dessen Zentrum jedoch nicht die Beschäftigung mit applied theatre steht.4 Andererseits klingt ‚angewandtes Theater‘ ähnlich wie ‚angewandte Kunst‘, aber auch diese Assoziation trifft das Phänomen nicht optimal – zumindest nicht bei einem Verständnis von angewandter Kunst, das diese mit Design oder kunstgewerblichen Produkten gleichsetzt. Zwar teilen beide Felder eine manifeste Zweckgebundenheit, doch ist angewandtes Theater kein Designphänomen; es verschreibt sich nicht der Gestaltung von Objekten oder der Inszenierung von Oberflächen, sondern zielt auf Intervention, die gezielte Unterbrechung und Veränderung gesellschaftlicher Prozesse – diese Beobachtung ist Ausgangspunkt des vorliegenden Buches.5

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