Leben in Zeiten der Dystopie

Theaterstücke aus Brasilien

von

„Pra frente, Brasil!“, so lautet die brasilianische Fußballhymne. „Vorwärts Brasilien!“, so könnte auch das Motto des brasilianischen Theaters der 1950er und -60er Jahre gelautet haben, denn den Weg in eine bessere Zukunft hatten sich auch die Theaterleute auf die Fahne geschrieben. Aufbruchsstimmung war allgemein angesagt in jenen relativ liberalen Zeiten, als Präsident Kubitschek fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren zum Ziel setzte, 1960 die von Oscar Niemeyer entworfene neue Hauptstadt Brasília eingeweiht wurde.

In den frühen 1960er Jahren, als die Chancen auf eine sozialistisch ausgerichtete Regierung nicht schlecht standen, engagierten sich Theaterleute nach dem kubanischen Modell massiv für ein neues, ein linkes Brasilien. Prägend war hier das Teatro de Arena in São Paulo, das erste kollektiv geleitete Theater Brasiliens mit seinen Chefstrategen Augusto Boal, dem späteren Begründer des Theaters der Unterdrückten, und Gianfrancesco Guarnieri, mit ihren marxistisch auf den Klassenkampf ausgerichteten Produktionen über streikende Metallarbeiter und die Gewerkschaftsbewegung. Ähnliche Ziele verfolgten auch die Polit-Revuen des Teatro Opinião in Rio de Janeiro, die Agitpropstücke und Straßentheateraktionen der Volkskulturzentren CPC. Ein neues Brasilien wollte auch das dem Tropicalismo und Antropofagismo, dem Menschenfressertum, verpflichtete Teatro Oficina in São Paulo. Andere sozialkritische Gruppen wie das Teatro Experimental do Amazonas in Belém oder Hermilo Borba Filhos Teatro Popular do Nordeste in Recife entdeckten mit Folklore-Anklängen ihre regionalen Wurzeln.

Foto: Sergio Souza on Unsplash
Foto: Sergio Souza on Unsplash

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, als die Militärs der linken Euphorie ein jähes Ende bereitet und ein autoritäres System installiert hatten, mit Ermächtigungsgesetzen, die demokratische Institutionen lahmlegten, und Schriftsteller und Theaterleute mit Auftritts- und Publikationsverboten verfolgt wurden, gingen die Kulturschaffenden und natürlich auch die Studierenden in den Widerstand. Viele endeten im inneren oder äußeren Exil, im schlimmsten Fall im Gefängnis. Westliche Länder schwiegen meist zu den Menschenrechtsverletzungen, weil sie vom brasilianischen Wirtschaftswunder profitierten, wie etwa die Bundesrepublik Deutschland mit dem Bau von Atomkraftwerken.

Aufbruchsstimmung kam erst Ende der 1970er Jahre wieder auf, als mit der „Abertura“, der politischen Öffnung, die zögerliche Redemokratisierung Brasiliens einsetzte. Mit der Aufhebung der Zensur, der politischen Amnestie, als viele Künstlerinnen und Künstler aus dem Exil zurückkehrten, wurde Bilanz gezogen: Etwa 500 Theaterstücke und sogar auch Musikstücke (wie Songs der international berühmten Chico Buarque und Caetano Veloso) waren während der bleiernen Zeit, den „anos de chumbo“, verboten worden. Viele der im Lande gebliebenen Autorinnen und Autoren waren verstummt, einstmals politisch aktive Schauspielerinnen und Schauspieler wollten zwar nur beim Fernsehen überwintern, waren aber inzwischen zu Stars der Telenovelas aufgestiegen. Die Phase der Aufarbeitung im Theater, der sogenannten Bewältigungsliteratur, währte relativ kurz. Neben einigen reißerischen sogenannten „Folterstücken“, die in die Abgründe der staatlichen Repression blickten, waren es vor allem Dramen, die sich mit den psychischen, emotionalen Folgen, den Befindlichkeiten der Betroffenen beschäftigten. Die meisten dieser als „Nova dramaturgia“ bezeichneten Stücke stammten von Frauen: Consuelo de Castro, Maria Adelaide Amaral, Leilah Assunção …

Hatte dieser Rückzug ins Private schon in den letzten Jahren der Diktatur stattgefunden, so zeichnete sich im brasilianischen Theater, in den Dramen wie in den Aufführungen, immer deutlicher eine Entwicklung ab, die im Privaten den Widerschein des Politischen suchte, in einer manchmal sogar zynischen, häufig aber auch resignativen, melancholischen Subjektivität. Diese Tendenz setzt sich bis heute fort, im Zentrum vieler Theaterstücke stehen oft scheinbar individuelle, oft auch autobiographisch getönte Probleme, die Bewältigung des eigenen Lebens und des Alltags in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten. Vielleicht ist dies nur in Zeiten einer relativen politischen Stabilität möglich, es ist aber auch Ausdruck der sich auf das Individuum auswirkenden gesellschaftlichen Stagnation und Politikverdrossenheit, die sich bis in die 1990er, ja bis in die 2000er Jahre fortsetzt. Das Private als unaufdringliche, aber unübersehbare Spiegelung von Politik und Zeitgeschichte repräsentieren auch die Stücke, die in dieser Anthologie vorgestellt werden. Es drängt sich angesichts dieser auf brasilianischen Bühnen erfolgreichen Stücke natürlich auch die Frage auf: Und wo bleiben die brennenden Themen, die die brasilianische Gesellschaft in jüngster Zeit umtreiben, die politische Dauerkrise, die Problematik der People of Color? Sie werden, mit vereinzelten Ausnahmen, auf der Bühne nicht verhandelt. Vielleicht ist auch dies ein Ausdruck von Ohnmacht, Enttäuschung, Resignation und Zynismus. „Ein Land am Abgrund“, so sah es schon der bedeutendste brasilianische Dramatiker Nelson Rodrigues (1912– 1980). Am Abgrund bewegen sich die meisten Protagonistinnen und Protagonisten dieser Stücke.

Jenseits der Metropolen rücken immer mehr die Regionen in den Fokus. Einer der wichtigsten Repräsentanten dieser Entwicklung ist Newton Moreno aus Pernambuco, dem Nordosten Brasiliens. Sein Stück Wüstes Land, Agreste (2004) eröffnet die vorliegende Anthologie. Das Licht der Öffentlichkeit erblickte es bei einer szenischen Lesung beim Festival de Teatro in Curitiba, in einer zum ersten Mal veranstalteten und vielbeachteten Reihe „schwuler Dramatik“. Was verbirgt sich nicht alles in diesem wenige Seiten umfassenden Text, was lässt sich inhaltlich und formal nicht alles aus ihm herauslesen oder in ihn hineinlesen: böses Märchen, Schicksalstragödie, Ovids Metamorphosen, Gender- und Queer-Diskurse, C. G. Jungs Archetypen, etwa der ‚Großen Mutter‘, die in der brasilianischen Konnotation als Mutter des Wassers, mãe d’água, auftaucht, gleichgeschlechtliches weibliches Begehren und Bedrohung ankündigt. Und dann entzieht sich der Text auch noch konventionellen dramatischen Klassifizierungen. Wüstes Land wird als „material cênico aberto“, als offenes szenisches Material, als radikales Narrativ betrachtet. Mit dem von ihm eingeführten Begriff der „partitura física“ sieht der Autor selbst, Newton Moreno, Wüstes Land gar als ‚polyphones Körpertheater‘, in dem der Erzähler oder die Erzählerin alle anderen Rollen übernehmen könne. Die Stimmführung lehnt sich an die brasilianische literatura de cordel an, ist deutlich der oralen Populartradition des brasilianischen Nordostens verpflichtet, etwa João Cabral de Melo Netos „Auto de Natal Pernambucano“ Morte e vida Severina (1956, dt. Tod und Leben des Severino).

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Res publica Europa

Das IETM (International Network for Contemporary Performing Arts) setzt sich aus über 500…

Aus der Perspektive starker Frauen

Schauspielchefin Anna Bergmann überlässt in Karlsruhe ausschließlich Frauen das Regiepult – ein Zeichen für die Gleichheit der Geschlechter

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Falk Richter

Falk Richter