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Ruedi Häusermann — eine Werkschau mit Klangspur

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Nein, ein Sammler im eigentlichen Sinne ist er nicht. Eher ein Bewahrer schöner Dinge, wichtiger Begegnungen, besonderer Momente, einzelner Blätter und Bänder — und Ideen. Sehr ausgesucht und nur so viel, wie in eine Schachtel mit den Maßen 29,7 × 42 × 20 cm passt, deren schmale Seite jeweils sehr ordentlich und sorgsam mit dem Titel einer monatelangen intensiven Arbeit versehen ist. In ihnen finden sich die Spuren von Ruedi Häusermanns künstlerischen Forschungsreisen. Am Ende einer solchen Reise nimmt er noch einmal alles aus den zurückliegenden Wochen in die Hand. Vieles wird verworfen und manches ausgewählt. Das bleibt. Aber der Deckel wird geschlossen, die Schachtel weggeräumt auf den Dachboden seines kleinen Studios auf dem Lenzburger Goffersberg, seinem Heimatort, an dem alle seine Arbeiten ihren Ausgang nehmen. Eine letzte einsame Begegnung mit den Gedanken, die sich aufgetürmt haben, den unzähligen Noten und Aufnahmen, den Zetteln und Partituren, herausgelöst aus dem Getöse der Endprobenwochen, entzogen dem Zugriff all jener, die in einer Produktion beteiligt sind, zurückgeführt — verwandelt — an den Ort ihrer Entstehung. Eine kleine Schlussvolte, die Zusammenstellung des für Wert Befundenen eine letzte Inszenierung, ein kathartischer Akt, um Platz zu schaffen für Neues. Ist eine Arbeit zur Aufführung gelangt, beseitigt Ruedi Häusermann alle ihre Spuren. Die Atmosphäre in dem legendären Studio muss frei sein von den alten Gedanken, eine Tabula rasa hergestellt werden, um sich neuen Vorhaben nähern zu können. Entstanden ist eine sehr private Sammlung, subjektiv, nicht für andere Augen gedacht. Ich fand sie vor, zufällig, als ich nach einem Text einer gemeinsamen, vergangenen Produktion gefragt habe und Ruedi Häusermann die mir sonst immer verschlossene Deckenluke seines Rebhäuschens aufstieß, die Leiter erklomm und mich in ein Archiv führte, das nicht nur seine eigene Arbeit, sondern auch eindrücklich Zeit- und Kulturgeschichte dokumentierte. Ursprünglich war er aufgefordert worden, für ein Ausstellungsprojekt das Material zusammenzustellen, um Einblick in sein Arbeitsleben zu gewähren und zu berichten von den allerersten Anfängen, dem Weg aus einer Handwerkerfamilie in die Kunstwelt, den Rückschlägen, der Zeit als Musiker in der Freien Musik, den Arbeitsbegegnungen, dem Einstieg in das Theater — vor allem aber natürlich von seiner Musik. Die Ausstellung kam nicht zustande, das Ritual blieb.

Ruedi Häusermann. Foto Ernst Spycher
Ruedi Häusermann. Foto Ernst Spycher

Die Idee zu dieser Werkschau entsprang diesem Fund. Die Wiederbegegnung mit dem Material löste Erinnerungen aus, evozierte Kommentare, die sich als Nachträge im Bildteil dieses Buches wiederfinden. Und sehr bald wurde deutlich, dass sich dem vielseitigen Schaffen Ruedi Häusermanns nicht zu nähern ist ohne seine Musik. Und auch, dass eine beigelegte CD nicht ausreichen würde. Und auch nicht zehn CDs.

Und so zog sich Ruedi Häusermann zurück in sein Studio und begann, eine Klangspur zusammenzustellen, aus den vielen Probenaufnahmen kleine inszenierte Musikstücke zu schneiden, alte Bänder auszugraben, die verloren geglaubt waren, und dabei Speichermedien in die Hände zu bekommen, über die die Zeit hinweggegangen ist, und die Not groß war, überhaupt noch ein Abspielgerät zu finden. Ein geradezu archäologisches Projekt. Dass sie als hundertstündig angekündigt wird, ist nur der griffigen Etikettierung geschuldet. In Wahrheit ist sie viel länger. Außerdem begleitet sie das Versprechen, auch künftige Arbeiten Häusermanns zu dokumentieren. Sie durchzieht dieses Buch, das als tönendes und visuelles Gesamtkunstwerk nicht nur Häusermanns Wirken beschreibt, sondern es sicht- und hörbar werden lässt.

Die Essays seiner Wegbegleiter, Freunde und Weichensteller beleuchten jeweils einen anderen Schwerpunkt dieses äußerst vielgestaltigen Werks. Von Beginn an hatte Ruedi Häusermann als Musiker, Komponist und Theatermacher eine singuläre Stellung in der Theaterlandschaft inne. Seine fein- und eigensinnigen Abende, in denen er unspektakuläre Vorgänge verwebt, rhythmisiert, sie zeitlich überlagert, die Schärfe einstellt, fokussiert und wieder vorbeiziehen lässt, in der sich die Elemente Text, Ton, Bild und Szene gleichberechtigt in eine übergreifende, verästelte Partitur fügen, haben eine unverkennbare Handschrift, mit der er das Musiktheater erneuert hat. Ruedi Häusermann ist kein Auftragskünstler, zur Eigendynamik des Kulturbetriebs hält er widerständig Distanz und überrascht mit immer wieder neuen Umwegen, auf denen er sich langsam und forschend voranbewegt.

Und so möchte ich an dieser Stelle aufs Herzlichste den Autoren danken, die diesen Umwegen gefolgt sind, die Abzweigungen untersucht haben, dem Tastenden die Großzügigkeit ihres Blicks geschenkt haben: Peter Bichsel, Peter Buri, Ueli Jäggi, Elfriede Jelinek, Sir Peter Jonas, Kjell Keller, Guy Krneta, Michael Laages, Stefan Läderach, Stephan Müller, Michael Neuenschwander, Albrecht Puhlmann, Beat Sterchi, Andreas Tobler und Dieter Ulrich.

Das Buch verbindet Persönliches und Künstlerisches, Anekdotisches und Biografisches, Musikalisches und Theatralisches, da alle diese Gebiete in Häusermanns Leben gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Ähnlich wie in seinen Inszenierungen, fügen sich auch hier die Einzelteile erst in der Lektüre zu einem Ganzen, ihm wohnt eine geheime Gesetzmäßigkeit inne. Diesen Moment der Verwandlung erfährt man jedes Mal neu. Gleich, an welcher Stelle man das Buch aufschlägt, wird der Leser und Hörer an die Hand genommen und auf unterschiedlichen Pfaden durch das Werk geführt.

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