Bauen in zerstörten Städten

von

II
Zum Glück gibt es Gegenbeispiele an vielen Fronten, nicht zuletzt auf dem Feld eines Wohnungsbaus, der die Parzelle wiederentdeckt hat, auch und gerade in Berlin-Mitte, zwischen Niederwall- und Kurstraße. Auf andere Weise hat das künftige Humboldt-Forum die Chance, ein solches Gegenbeispiel zu werden. Dessen Franco Stella übertragene bauliche Realisierung verweist auf die immer wieder kontrovers und nicht selten konfus debattierte Frage der Zulässigkeit oder Wünschbarkeit von Iterationen, also Wiederholungen, Neuerrichtungen wertvoller alter Architektur wenigstens ihrer äußeren Gestalt nach, die ja nicht nur das gegenständliche Schaubild der Fassaden, sondern auch die spezifische Räumlichkeit des verlorenen Altbaus im Gefüge der Stadt bedeutet. Können Architektur und Städtebau in dieser Hinsicht von der musikalischen Praxis lernen? Die Wiederaufführung von Werken vergangener Zeiten, partiturgetreu, aber betreffs der Säle und Instrumente unter Bedingungen, die von denen der Entstehungszeit deutlich abweichen, ist auf diesem Feld eine völlige Normalität.

Die Musik ist eine bewegliche Kunst, sie verklingt im Raum und erklingt auf Instrumenten, die – mit wenigen Ausnahmen – von Raum zu Raum transportiert werden können. Das erleichtert den Zugriff auf alte Werke; sie koexistieren mit denen früherer Generationen und tun das nicht selten innerhalb eines Konzertes; zugleich bilden sich Spezialisten aus für die möglichst getreue Wiedergabe alter und ältester Partituren. In der von Haus aus unbeweglichen, räumlich fixierte Gebilde schaffenden Architektur war eine solche Koexistenz des Alten mit dem Neuen, also jenes umfassende Repertoire, das die Musikpraxis sich seit dem mittleren 19. Jahrhundert erworben hat, durch Städte vorgegeben, die, wenn nicht Brände oder ein jäh ausbrechender Reichtum wie in der Gründerzeit dazwischenfuhren, die Koexistenz der Formen, der Stile, der architektonischen Haltungen als ein gegenständliches Bei- und Nebeneinander realisierten, und der sich entwickelnde Denkmalschutz hatte die Aufgabe, darüber zu wachen, daß nicht wertvolles Altes den Renditeinteressen von Privateigentümern und den Repräsentationsinteressen von Staats- und Stadteigentümern geopfert werde.

Der Bombenkrieg, der in Deutschland, das diesen Krieg angezettelt hatte, bis in die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs alte Stadtkerne ausradierte, hat diese Situation wesentlich verändert. Jenes gegenständlich vorhandene architektonische Repertoire, in dem es nur darauf angekommen war, das Alte vor der impliziten Aggressivität des Neuen zu schützen, war in vielen Städten nicht mehr vorhanden, und das beschädigt oder zerstört Übriggebliebene wurde nur allzu schnell weggeräumt. Die deutschen Städte – und zuvor die anderer Länder – waren so gravierend ihrer alten Substanz beraubt, daß jene denkmalpflegerischen Maximen ihren Sinn verloren hatten, die Anfang des 20. Jahrhunderts einem nachahmenden Historismus opponiert hatten, wie er damals die 250 Jahre alte Ruine des Heidelberger Renaissanceschlosses hatte wieder aufbauen wollen. Worum es nun ging, war etwas anderes: In großenteils völlig neu erbauten Innenstädten galt es die auf einzelne Bauwerke und manchmal Ensembles gerichtete, also a priori strikt eingegrenzte Wiedergewinnung eines architektonischen Repertoires, das als über die Zeiten gewachsenes abhanden gekommen war. Diese angesichts des Ausmaßes der Verluste evidente Anforderung stieß auf Widerstände nicht nur innerhalb der Architektenschaft, sondern auch in dem Bereich des Denkmalschutzes; dabei wurde vielfach mit abstrakten und deutlich ideologischen Argumenten operiert. Wie immer, wenn das geschieht, stehen im Hintergrund handfeste materielle Interessen; diese greifen besonders gern zu moralisierenden Abwehrstrategien.

Im Bereich des Denkmalschutzes bekundete sich die Sorge, daß Mittel, die für das replizierende Wiedererstehen verschwundener oder fast völlig zerstörter Bauwerke aufgewendet würden, für die große und oft vernachlässigte Aufgabe der Erhaltung des Übrigebliebenen und Reparaturbedürftigen nicht zur Verfügung stünden. Doch die Töpfe, die Etats, aus denen das eine und das andere finanziert wird, sind von jeher verschieden; von daher gibt es keine Finanzkonkurrenz zwischen Denkmalschutz und der Neuerrichtung zerstörter Baudenkmale. Und es gibt auch keine Verwässerung des Denkmalschutzgedankens durch solche Wiedererrichtungen. Wenn in Berlin das Humboldt-Forum nicht nur in den Maßen, sondern auch mit den Fassaden des Schlüter-Eosander-Schlosses ersteht, kann sich, die Einbeziehung denkmalpflegerischen Sachverstands vorausgesetzt, die Wertschätzung für das originale Barock nur erhöhen.

Die Opposition vieler Architekten gegenüber der iterativen Neuerrichtung bedeutender alter Bauwerke (der Begriff der Iteration hat Vorzüge gegenüber dem der Replik) war irrational insofern, als die Baukunst der Gegenwart durch die vorangegangenen Stadtzerstörungen über Jahrzehnte hin ein nie dagewesenes Maß an Freiraum für ihre Planungen, ihre Projekte erhalten hatte. Infolge einer hemmungslosen Ruinenvernichtung waren in Ost und West ganze Innenstädte neu zu bauen gewesen; dennoch regte sich in der beteiligten Fachwelt anhaltender Widerstand, wenn die Bewohner dieser Städte sich für den Wiederaufbau oder die Neuerrichtung verlorener Bauwerke besonderen Ranges einsetzten. In Frankfurt am Main zum Beispiel: Welche Kämpfe um den Wiederaufbau des zerstörten Opernhauses, das als Konzerthaus, mit weitgehend neuer Innenarchitektur, dann ein kulturelles Zentrum von großer Strahlkraft wurde, und zuvor welche Verwüstung, welche Deproportionierung des innerstädtischen Hauptplatzes, des Römers, durch die völlige Abtragung der zerstörten alten Gebäude! Stadtplaner und Architekten akklamierten der Kriegszerstörung, indem sie deren Spuren tilgten; zugleich warf man denen, die sie erhalten wollten, um sie erneuern zu können, Verdrängung der Geschichte vor. Eine Tabula-rasa-Gesinnung suchte sich unter dem Begriff der Moderne, also des Fortschrittlichen unangreifbar zu machen.

Alle diese Torheiten, Kämpfe, Verluste gingen in Ost und West, unter konträren politischen Machtverhältnissen, mit völliger Symmetrie vor sich. Was die Stadtoberen der SED in Dresden mit der Sprengung der Ruinen der Rampischen oder der Prager Straße, des Altmarkts, des Neumarkts oder des Neustädter Markts anrichteten, vollzog sich entsprechend in Frankfurt am Main oder in Kassel, in Stuttgart oder in Mainz. Aber auch eine unzerstörte Stadt wie Stockholm opferte in den sechziger Jahren ein ganzes Stadtviertel einem a priori stadt- und menschenfeindlichen Kahlschlag. Als nach soviel Verlusten eine Rückbesinnung auf die einzigartigen Qualitäten der europäischen Stadt einsetzte, war es zu spät, die seinerzeit aufgegebenen Altbauten in der alten Ziegeltechnik wiedererstehen zu lassen. In Berlin, zu Seiten der im Äußern weitgehend getreu wiederaufgebauten, im Innern fühlsam neugestalteten Staatsoper, konnte das unter Richard Paulick noch vermieden werden; die beiden dort früher befindlichen Palais, das eine völlig zerstört, das andere bereits abgetragen, wurden um 1965 als Ziegelbauten neuerrichtet bzw. wiederaufgebaut. Als man in Frankfurt am Main die alten Platzproportionen des Römers mit Iterationen der alten Fachwerkhäuser wiederherstellte, war das Geschrei der Puristen groß, daß dies Fakes à la Disneyland seien, bloße Fassadenbilder, aufgetragen auf Betonwandungen. Natürlich, dergleichen ist ein Behelf; anders wäre es zu teuer geworden. Hätte in den fünfziger, den sechziger Jahren nicht eine hybride städtebauliche Ignoranz hier und andernorts das Heft in der Hand gehabt, so hätte man anders vorgehen können.

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann