Die Welt auf Tschechisch

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Eines der Stücke, das in der vorliegenden Anthologie enthalten ist, Petr Zelenkas Vĕra, wird mit zwei Zitaten eingeleitet. Das erste stammt aus der Bibel, aus dem Matthäus-Evangelium, und lautet: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“, das zweite sind Worte Charles Bukowskis: „Die Welt gehört denen, die sich nicht in die Hose scheißen“. Diese zwei einander widersprechenden Aussagen könnten ebenso gut einen Überblick über die tschechische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts einleiten, da sie das Dilemma darstellen, das ein jeder lösen musste, der das Land regiert und auch der, der darin gelebt hat. Unsere Auswahl tschechischer Stücke erscheint zum Anlass des hundertjährigen Jubiläums der Gründung der Tschechoslowakei, im Jahr 2018 rufen wir uns aber auch andere Jahrestage in Erinnerung – das Münchner Abkommen, das im Jahr 1938 zum Untergang der Tschechoslowakei führte, den kommunistischen Putsch des Jahres 1948, nach dem die Tschechoslowakei im Ostblock und hinter dem Eisernen Vorhang verblieb, die sowjetische Besetzung im Jahr 1968 und das Entstehen der eigenständigen Tschechischen Republik vor 25 Jahren, im Jahr 1993. Nach jeder historischen Wende erstand das erwähnte Dilemma erneut. Denen, die sich nicht „in die Hose geschissen“ haben, gehörte oft nicht nur nicht die Welt, sondern sie zahlten bitter für ihre Tapferkeit. Und vielleicht zahlten die Sanftmütigen noch mehr, die während der totalitären Repressionen um ihre Selbstachtung gebracht wurden.

„Das Schwein oder Václav Havel’s Hunt for a Pig“ von Václav Havel, Uraufführung Brno 2010, Foto: Viktor Kronbauer
„Das Schwein oder Václav Havel’s Hunt for a Pig“ von Václav Havel, Uraufführung Brno 2010, Foto: Viktor Kronbauer

Das alles spiegelt sich natürlich auch in der Geschichte der tschechischen Dramatik wider, nicht nur in den Schicksalen der Autoren, sondern auch in der Art, wie ihre Texte die Gegenwart reflektieren – in Zeiten der Totalität war das nur in Form einer Parabel oder einer grotesken Hyperbel möglich.
Zwei der Autoren dieser Anthologie, Václav Havel und Milan Uhde, erschienen bereits in den sechziger Jahren das erste Mal auf tschechischen Bühnen, beide zählten nach 1968 zu den verbotenen Autoren, beide wurden nach 1989 zu anerkannten Politikern und beiden gelang im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends ein beachtenswertes Comeback als Dramatiker, als Uhdes Zázrak v černém domě (Wunder im schwarzen Haus) im Jahr 2007 und Havels Odcházení (Abgang) im Jahr 2008 von der Kritik zum besten tschechischen Stück des Jahres erklärt wurden.
Zwischen den ersten Stücken dieser Autoren und den Texten der jüngsten Generation tschechischer Dramatiker, die in diesem Buch vertreten sind, liegen mehr als fünfzig Jahre, dennoch verbindet sie die Fähigkeit, die absurden Elemente unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu durchschauen, sie mit den Mitteln der Dramatik deutlich zu machen und so indirekt die wesentlichen Züge ihrer Zeit zu benennen. Diese Geistesverwandtschaft bekräftigt nur die Tatsache, dass, wenn wir über die Entwicklung des modernen tschechischen Dramas reden wollen, es notwendig ist, ihre Anfänge und die zahlreichen Inspirationen in der Dramatik der sechziger Jahre zu suchen.

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