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Schreiben zwischen Sandgasse, Promenade und Rothem Krebs

von

Ich lernte Linz also kennen, in der Veränderung, und veränderte mich selbst. Ich behielt meinen Schreibplatz frühmorgens am lieb gewonnen Fenster mit dem Blick zur VOEST, wechselte mittags dann ins Theater, setzte mich dorthin, wo es gerade passte, und ließ mich, wann immer es sein sollte, im Schreiben von den Menschen unterbrechen. Am liebsten saß ich im Foyer des Großen Hauses im zweiten Stock bei einem kleinen, runden Steintisch, der etwas von einem Kaffeehaustisch hatte und an einem Heizkörper stand, was angesichts des tatsächlich eintretenden nassen und kalten Oktobers sehr angenehm war, sowie an einem Fenster, das den Blick rüber zum Landhaus freigab. Hier saß ich und hörte, wie das Haus betreten und auch wieder verlassen wurde. Der Hall der Schritte jener Hereinkommenden und Gehenden gab mir einen neuen Rhythmus im Schreiben. Ich hörte die Bühnentechnikerinnen und Bühnentechniker ihre Metallkisten auf Wägen unten durch die Gänge rollen. Ich hörte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zwischen den Stöcken auf- und ablaufen, an den Geländern stehen bleiben, um zu sehen, ob denn die aufgelegten Werbebroschüren weiterhin in ihrer angedachten Ordnung lägen. Ich hörte die beiden mir bald vertrauten Frauen vom Putzpersonal, die in diesem Trakt des Theaters das Parkett täglich wischten und die Mülleimer entleerten, ihr Lachen und ihren Ärger über das Zurückgelassene, die Spur, die bleibt, nach einem Theaterabend, wenn das Publikum gegangen ist. Sie sammelten sie ein, diese Spur. Ich hörte die Dramaturginnen und Dramaturgen aus ihren Zimmern kriechen, ihre Gedanken noch in irgendeinem dicken Buch oder irgendeiner mühseligen Korrespondenz steckend, wie sie dann die Tür heraus ins Foyer leise öffneten, um entweder auf die Toilette zu gehen oder meistens dann doch in den Rauchergang, der mir im Rücken lag, um zu rauchen. Und so mussten sie an mir vorbei. Mein Schreiben, das morgens gleichsam ein Rauschen war, glich hier nun dem Hall der Schritte der Menschen am Theater und auch dem Hall ihrer Gedanken, die sie fallen ließen, am Weg an mir vorbei. Ich nahm ihn auf, den Hall der Schritte und den Hall der Gedanken, in mein Schreiben, und es veränderte sich erneut. Und mit der Veränderung des Schreibens veränderten sich die Sätze in meinem Schreiben und auch die Möglichkeit der Sätze, die zu schreiben waren. Es wurde ein Schreiben, das mehr und mehr auf der Suche war, gerade an einem Ort, von dem ich anfangs dachte, alles zu kennen. Die Menschen, die in diesen Tagen an mir vorübergingen und mein Schreiben unterbrachen, kamen selbst von ihren Tätigkeiten, die sie unterbrachen, und in der gemeinsamen Unterbrechung der Arbeit entstand ein gemeinsames Nachdenken über das, was man denn hier eigentlich tat, oder zumindest vorhatte zu tun. Mein Stück über die heimgekehrten Freunde im Alpenvorland nahm nun auch diese Gedanken über die Arbeit auf, diese Unterbrechung im Tun, und ich stellte mir Fragen, die ich in mein Schreiben mit hineinnahm. Ich erinnere mich dabei an Gespräche über die Generation der Dreißigjährigen und die Frage danach, ob man überhaupt von einer Generation sprechen könne, oder doch nur von dem Wunsch, Gemeinsamkeiten festzuschreiben, wo Verschiedenheit zu große Angst bereite. Auch erinnere ich mich an Gespräche über das Aufwachsen am Land, das Studieren in der Großstadt und die Besuche der Familie, die immer noch da war, wo man sagte, daheim zu sein, nämlich am Land. Auch erinnere ich mich an Gespräche über den Tod, den man aus der Ferne sieht, den Tod, über den man in Büchern liest, den Tod, den man aus dem Bekanntenkreis kennt, und den Tod in der eigenen Familie, der, auch wenn er noch nicht da ist, erschreckend anwesend sein kann, und das Sprechen über das Sterben, das mal von Angst begleitet ist, und mal vom wohltuenden Wissen, dass es eintreten wird. Dann erinnere ich mich an Gespräche über französischen Wein und englischen Tee, über die Notwendigkeit, in die Ferne zu ziehen und die Unmöglichkeit, in der Ferne zu bleiben. Auch an Gespräche über die österreichische Literatur erinnere ich mich, über Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard, über Marlen Haushofer und Werner Schwab, über Peter Handke und Adalbert Stifter. Und ich begann wieder mehr zu lesen, in diesen drei Monaten, in Jelinek und Bernhard, auch in Haushofer und Schwab, ein wenig auch in Handke und vor allem in Stifter, den ich immer gehasst, aber nie wirklich verstanden hatte. Nun, da ich in Linz saß und Stifter las, kann ich nicht behaupten, ihn weniger zu hassen, aber doch besser zu verstehen.

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