Im Dickicht des Einst

von

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Spiegelgasse

Am schönsten ist das Theater Neumarkt vielleicht durch eine Beschreibung seiner Lage zu verorten – und der Geschichte dieses Orts: Gelegen am Neumarkt 5, am Ende der Spiegelgasse, 50 weitere, nun schon 100 Jahre zurück. 1916: Noch befindet sich hier kein Theater. Das damalige Zunfthaus der Schuhmacher beherbergt den Arbeiterbildungsverein „Eintracht“. In der Spiegelgasse Nr. 12 lebt Lenin mit seiner Frau Nadeschda Krupskaja in einer Einzimmerwohnung oberhalb einer Wurstfabrik und brütet über die Möglichkeit der grossen Revolution und über den Krieg, der zum Bürgerkrieg werden soll. Fast völlig isoliert treibt er seine Überlegungen in die letzte Konsequenz. Er beschreibt die gesellschaftliche Ordnung und die kapitalistische Produktion in ihrer Härte und Ungerechtigkeit – und wie sie in den grossen Krieg geführt haben. Er macht seine Erfahrungen, lässt sich umständlich die Kosten für sein Visum zurückerstatten, arbeitet unermüdlich in der Bibliothek (positive Erfahrung), geht auf dem Züriberg spazieren und denkt an Marat: „Der Mensch hat das Recht, sich nicht nur das Überschüssige des anderen anzueignen, sondern auch das Notwendige. Um sein eigenes Leben zu retten, hat er das Recht, den anderen zu schlachten und seinen noch zuckenden Körper zu verschlingen!“

Auch auf der anderen Seite der Spiegelgasse, ein paar Meter weiter unten, wirkt der grosse Krieg als Triebkraft, treibt er Dinge voran. Seine Grausamkeit und vor allem seine entwertende Kraft, die alle bisherigen kulturellen Satzungen umwirft, wird im Cabaret Voltaire zur Voraussetzung einer künstlerischen Revolution: Dada! Aus der verzweifelten Lage einiger in Zürich gestrandeter Künstler und ihrer Erfahrungen entsteht ein weltweit Resonanz erzeugendes Phänomen. Dada ist nicht zuerst ein formales Experiment, sondern etwas aus der erschütternden Erfahrung einer zerreissenden Realität Geborenes – das sprechen die ersten Manifeste klar aus:
„Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. […] Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen.“

Peter Weiss beschreibt in seiner „Ästhetik des Widerstands“ den jungen Kommunisten Willi Münzenberg als einen Grenzgänger, getrieben von dem Wunsch, beide Seiten zu verbinden. Lenins in „Was tun?“ entworfenes Bild des träumenden Revolutionärs soll wirklich werden. „Das ist es, wovon wir träumen müssen!“ – „Wie kann ich deutlich machen, was in diesen grundlegenden Monaten [1916] geschah. Auch wenn es schien, als würde die künstlerische Revolution an einer andern Front als der politischen ausgetragen, so war sie, indem sie sich gegen die verbrauchten Konventionen wandte und Normen zertrümmern wollte, die ihre Zwangsmuster seit langem enthüllt hatten, unsrer Revolution doch verwandt. Mit ihrem Kampf um die Befreiung der Formen, der Bewegungen, um die Erneuerung der Sprache, des Sehens, mußte sie Einfluß ausüben auf unsre Sinne, unser Suchen nach einem verwandelten Dasein. Die Kunst habe keine Macht über die Realität, sagten die Politiker. Und mit der Realität meinten sie einzig und allein die Realität der Außenwelt. Sie sahn nicht, wie fadenscheinig diese Realität geworden war.“

Das ist also die Lage, die Konstellation in der sich das Neumarkt punktuell (wie in fernen Sternenhaufen!) noch heute erkennt, erkennen will, sich zu erkennen anmasst … und sich erkennen muss! Die Durchlässigkeit für die Erfahrung der Jetztzeit ist seine grösste Qualität, seine beste Kraft. Sein leicht beweglicher Produktionsapparat, der „unpraktische“ Saal, seine Intimität und eben halt auch seine unerhörte Geschichte erzeugen zusammen einen einzigartigen Theaterkörper, der unter Strom gesetzt immer wieder Ausserordentliches vollbringt und alle Widersprüche in sich aufnehmen kann.

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