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Wohin mit dem ganzen Idealismus

Das Theater Neumarkt wird 50, und das ist ein Grund zum Feiern, für Rück- und Vorschau und zum Erinnern an gute und aufreibende gemeinsame Erlebnisse, an die Künstlerinnen und Künstler, Technikerinnen und Techniker, die das Neumarkt zum Leben gebracht und erhalten haben. Unabhängig von seinen Direktionen entfaltet es – so erzählen es die Ehemaligen – eine spezielle Eigendynamik, die sich in künstlerischen Arbeiten, in theatralen Aktionen, in ästhetischen, politischen, gesellschaftlichen Projekten niederschlägt.

Hat sich das alles gelohnt? Hat es wer gehört? Wie hat es sich bewahrt? Am Theater Neumarkt wurde in den letzten 50 Jahren sehr viel Idealismus eingebracht und freigesetzt. Idealismus hat Künstlerinnen und Künstler, Technikerinnen und Techniker, Direktorinnen und Direktoren in ihrer Arbeit verbunden. Vielleicht hat sich die allgemeine Wahrnehmung verändert: Was einmal am Idealismus geschätzt wurde, nämlich die Selbstverschwendung und ein gewisser Glaube an die eigene Wirkungsmacht, erscheint heute naiv. Theater gilt als Luxus oder als kritisches Surplus einer demokratischen Ordnung. Idealismus steht ganz unten und läuft, à la Sisyphos, dauernd auf den Berg der Wohlstandszufriedenen und ruft: Es ist was faul!

Plakat Spielzeit 1974/75
Plakat Spielzeit 1974/75

Wir wollten mit diesem Buch künstlerischen und thematischen Knotenpunkten in der Geschichte unseres Theaters nachgehen, vor allem vorausblicken und behaupten: Das Theater Neumarkt wird 100 – mindestens.

Was braucht es dazu, wie kann es sich Gehör verschaffen, ohne leidlich mitzubieten im Markt der Medien? Was kann das Theater jetzt und in Zukunft, und wie lässt sich der Anspruch, experimentelles Theater zu schaffen, sinnvoll aufnehmen? Wie ist das mit der Freiheit und mit der Vereinnahmung der Kunst, mit ihrem „experimentellen“ Auftrag in der real existierenden Demokratie, in der teuer ist, was nicht im Billiglohnland produziert wird oder die Masse anspricht?

Lukas Bärfuss stellt sich vor, wie einst auf das Theater der Gegenwart zurückgeschaut werden wird. Stephan Müller erinnert sich, was das Theater Neumarkt ausgemacht hat. Tobi Müller schreibt über das Gegenteil von Kuschelkunst. Katja Brunner sucht Schmerz und Passion in Zeiten von Selbstoptimierung. Christoph Menke klärt den Unterschied zwischen Theater als blossem Teil der öffentlichen Selbstverständigung und Theater als ästhetischem Spiel. Marietta Piekenbrock, Mitarbeiterin des zukünftigen Intendanten der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, schreibt über den Zusammenhang von Performance und Gemeinschaft. Peter Schneider hat eine pragmatische Gegenwarts- bzw. Zukunftsanalyse für das Theater. Und Ralf Fiedler, aktueller Co-Direktor des Neumarkt, hat während der Recherche zu diesem Band über das „Dickicht des Einst“ nachgedacht.

Dies führt zum zweiten Teil des Buches – in die Vergangenheit. Es lässt sich umherschweifen, erinnern, vielleicht schmunzeln über Dokumente, Bilder, Ausschnitte und die Erinnerungen von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern, die dieses Haus in den letzten Jahrzehnten geprägt haben.

Das Theater Neumarkt ist alles andere als ein Stadttheaterapparat. Es hat eine Grösse, in der man sich direkt auseinandersetzt und einander nahekommt. Stellvertretend für viele, die das erlebt haben und die den konfliktfreudigen Charakter des Hauses mögen und pflegen, erzählt Twist Sopek aus seinen 43 Jahren am THEATER NEUMARKT, 2. Stock, Neumarkt 5, Niederdorf, Zürich.

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