Stücke

Inszenierungsnotate und Textwolken

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Ivna Žic, Gabriel Vetter und Marcel Schwald, die Autoren des Stück Labor Basel 2013, über das Schreiben im Spannungsfeld zwischen Schreibtisch und Probebühne im Gespräch mit Simone von Büren


Was hat euch am Format des Stück Labor Basel interessiert?

Gabriel Vetter: Mich hat es primär gereizt, in diesem zeitlich begrenzten Rahmen zu sehen, wie es ist, wenn man in und mit einer Institution an einem Projekt arbeitet anstatt allein.

Marcel Schwald: Mich hat es interessiert, ein Jahr lang den Fokus auf Text richten zu können und zu schauen, ob man aus einer Arbeit am Theater ein druckbares Stück machen kann, das in einer anderen Form aufbewahrbar ist als die DVD-Aufzeichnung einer Inszenierung. Es gibt auch Fassungen der Stücke, die ich als Regisseur mit Schauspielern kollektiv entwickle, aber die werden nicht publiziert.

Ivna Žic: Ich hatte den grossen Wunsch, Texte anders zu generieren als am Schreibtisch, Regie und Schreiben zu verbinden. Ich wollte versuchen, im Rahmen eines Probenprozesses mit den Schauspielern bei null anzufangen. Das ist in Luzern gelungen. Natürlich funktioniert das ganze System weiterhin so, als ob man bei Probebeginn ein Stück hätte. Zum Beispiel hat man schon zwei Monate vor der Premiere Bühnenbild-Abgabe. Konsequenterweise müsste aber auch das Bühnenbild mitentwickelt werden und nicht schon stehen, wenn es noch gar keinen Text gibt. Aber wir haben es geschafft, innerhalb dieser Strukturen trotzdem unsere Arbeitsweise zu etablieren. Ich glaube, das lag auch daran, dass ich mit vielen der Schauspieler bereits gearbeitet hatte.




Marcel, du hast ja das Material auch erst im Verlauf dieses Jahres generiert und hast dafür mit „Host Club" ein eigenes Format entwickelt.

Schwald: Ja, ich habe den „Host Club" als Medium genutzt, um Texte zu generieren. Es ist eine Art Salon-Setting mit verschiedenen Tischen, an denen es je einen Host gibt - einen Gesprächsleiter und Performer, der die Verantwortung für das Gespräch übernimmt. Es gab Gespräche in drei Runden, unterbrochen von Interviews mit eingeladenen Gästen, die über ein Thema sprachen und Live-Zusammenfassungen der Gespräche an den verschiedenen Tischen. Für jedes Gespräch hatte ich ein Skript mit Fragen geschrieben und mit den Schauspielern im Voraus besprochen.




Was waren deine Erfahrungen mit dieser Arbeitsweise?

Schwald: Mich hat der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache das ganze Jahr lang beschäftigt. Und ich habe gemerkt, dass ich ein Gegenüber brauche, das mich zum Formulieren zwingt. Ich mache Theater, um mit anderen Leuten zu arbeiten. Wenn ich einen Text in einem Stückentwicklungsprozess schreibe, sage ich dem Schauspieler, was ich in einer Szene möchte, er fängt an zu improvisieren, ich schreibe auf, überarbeite und gebe diese Vorschläge wieder zurück an den Schauspieler. Der guckt, ob er mit meinen Formulierungen umgehen kann. Ich hatte diese Formen der Textgenerierung entwickelt, weil ich wusste, dass meine Schreibsprache sehr stockend aufs Blatt kommt. So ganz allein zu schreiben, empfände ich als große Herausforderung.

Vetter: Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte die letzten acht Jahre immer allein gearbeitet und hatte mich darauf gefreut, mich mit dem eigenen Text in eine Gruppe zu werfen. Ich habe dann allerdings sehr schnell gemerkt, dass ich Probleme damit habe, am fertigen Text noch Änderungen zuzulassen. Ich habe offenbar ein noch konservativeres Verständnis vom eigenen Text, als ich befürchtet hatte.




Was fandst du schwierig?

Vetter: Normalerweise bin ich Dramaturg, Regisseur und Schauspieler in einem. Als ich plötzlich etwas abgeben musste, habe ich gemerkt, was das heißt: Dass Dinge gestrichen oder umgebaut werden können, oder dass ein Satz ganz anders betont wird, als ich ihn betonen würde. Ich lese mir meine Texte immer vor, weil der Rhythmus wahnsinnig wichtig ist. Bei mir ist alles sehr getaktet, fast wie ein Schlagzeugstück. Ich habe sogar recherchiert, ob es Formen gibt, den Rhythmus in Prosa zu notieren. Und habe mich natürlich sofort dafür geschämt und gedacht: Oh nein, ich bin ein Kontrollfreak.




Wie hast du denn konkret gearbeitet?

Vetter: Es war schon früh klar, dass es ein relativ klassisches Stück werden sollte über die Schweiz als Disneyland. Am Anfang ging ich sehr journalistisch vor, recherchierte viel und richtete einen Blog ein mit Links, Videos und anderen Materialien für mich und andere. Ich brauchte manchmal mehr Zeit und Energie für den Blog als für die eigentliche Textarbeit. Irgendwann musste ich mich mit der Frage beschäftigen, wie ich all diese Informationen in eine Geschichte bringe, wie ich sie ja erzählen wollte. Also habe ich mich pragmatisch hingesetzt, Drehbuchtheorien gewälzt und mir ein Gerüst gebaut. Ich bin sehr dankbar, dass ich das im Rahmen des Stück Labor versuchen konnte.




War der Austausch mit anderen Leute schlussendlich hilfreich?

Vetter: Ja, ich merkte schon bei den ersten Gesprächen mit der Dramaturgie, dass da andere Leute sind, die ja nicht stören, sondern die Sache voranbringen. Und auch in der Inszenierung gab es Entscheide, die wahnsinnig viel Sinn gemacht haben. Zum Beispiel, dass Nippes Schweizerdeutsch redet. Ich konnte mir das anfangs überhaupt nicht vorstellen. Das Interessante ist, dass ich das jetzt, weil es viel besser ist, als was ich mir vorgestellt hatte, kolonialistisch anektiere und stolz darauf bin, dass das so gut klappt. Und dann denke ich plötzlich, das war ja gar nicht meine Idee, oder eben doch?

Schwald: Wir fragen im Stück Labor immer, was Autorschaft ist. Man könnte auch fragen, was ist Regie? Ich finde, Du hast ein paar sehr gute szenische Anlagen gemacht, die einem Regisseur viel abnehmen.




Hat Simon Solberg die auch umgesetzt?

Vetter: Nein.




Ist Regie eine Form von Autorschaft?

Žic: Klar. In meinem Projekt hat ein großer Teil meiner Autorschaft mit der Regiefunktion zu tun: Schnitt, Montage, Komposition, Dramaturgie, Außenblick. Der Text ist im kollektiven Probenprozess entstanden und enthält kein einziges Wort von mir. Wir hatten bei Probebeginn ein Materialwerk von 80 nicht abgeschickten Briefen, die wir über einen Aufruf gesammelt hatten. Diese Textbasis wurde von genauso vielen Autoren wie es Texte gibt geschrieben. Auch die Textselektion hat kollektiv stattgefunden. Und jedes Wort, das im Stück gesprochen wird und nicht aus den Briefen kommt, ist von den Schauspielern. Ich war überzeugt, dass jeder Schauspieler genug Haltungen, Geschichten und Leben beizutragen hat und ich ihm nicht etwas in den Mund legen muss.




Können eure Texte, so wie sie in diesem Heft abgedruckt sind, nachgespielt werden?

Žic: Können auf jeden Fall. Ich weiß aber nicht, ob das Sinn macht. Interessant fände ich, wenn jemand mit diesem Grundmaterial weiter arbeiten würde. Ich habe unseren Abdruck bewusst Inszenierungsnotation genannt. Davon bin ich die Autorin. Für mich war das der ehrlichste Umgang mit dieser Form von Arbeit, denn man kann den Text von der Inszenierung nicht loslösen. Er läuft ihr nicht vor, aber auch nicht nach, sondern ist Teil von ihr.

Schwald: Ich kann meinen Text nicht Inszenierungsnotation nennen. Ich musste ihn abgeben, bevor ich irgendetwas inszenieren konnte. Es ist für mich eine Hinterlassenschaft. Es sind Dokumente von Veranstaltungen, an denen sich Leute entschieden haben, auf Tonband etwas zu hinterlassen. In der Probenfassung habe ich die Texte auf drei Sprecherpositionen und ein paar externe Stimmen aufgeteilt. In der Druckversion habe ich auf eine Sprecherzuteilung verzichtet. Mit dieser Vorlage könnten andere Theatermacher durchaus arbeiten. Aber sie könnten auch einfach die Grundidee übernehmen, über Gespräche Satzzeichen einzufangen, die normalerweise in Luft vaporisieren. Auch bei mir ist kein Wort von mir. Ich habe nur versucht, Stimmen einzufangen. Für mich ist der Text eine Art Textwolke geworden.

Vetter: Ich finde, ihr stellt Euch wahnsinnig unter den Scheffel mit eurer Argumentation. Auch bei meinem Stück kann man fragen, woher diese Sätze kommen. Als Satiriker nimmt man Fremdmaterial auf, wirft es durch die eigenen Synapsen und macht etwas daraus, von dem man dann behauptet, man habe es selber gemacht. Meiner Meinung nach sind eure Texte Stücke. Ihr müsst das nicht Textwolke oder sonstwas nennen.

Schwald: Ich kam auf Textwolke als Bezeichnung, weil es flüchtige Sprache ist. Ich glaube, gesprochene Sprache fühlt sich tendenziell kleiner an. Gesprochene Sprache, die groß ist, wurde normalerweise vorher geschrieben - etwa bei Reden oder Vorträgen. Ich habe in meinem Stück ständig Leute, die eine These aufstellen und sie gleich wieder entkräften, weil sie nicht sicher sind, ob sie Bestand hat. Mein Stück hat viel mit Denkversuchen zu tun. Bei Ivna sind es Resümierungsbemühungen.

Žic: Der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ist tatsächlich interessant. Das Notieren der Inszenierung fühlte sich für mich an wie ein Schritt zurück. Denn wir haben uns auf den Proben natürlich sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie man einen solchen Brief spricht - eine Sprache, die nie zum Sprechen gedacht war und ein Text, der nie abgeschickt wurde. Und all das performativ Gestaltete geht verloren, wenn in der Druckfassung wieder nur der Brieftext steht.




Ob Stück, Inszenierungsnotation oder Textwolke - wie steht es denn um die gefühlte Autorschaft?

Žic: Gabriel hat vorher gesagt, wir würden uns unter den Scheffel stellen. Aber die Tatsache ist, dass ich mich selten so sehr als Autorin gefühlt habe - in unterschiedlichen künstlerischen Aspekten im Stück. Autorin von Theater.

Vetter: Ich fühle mich bei diesem Stück lustigerweise mehr als Autor als bei meinen anderen Arbeiten. Ich weiß nicht, ob das mit dem offiziellen Rahmen des Stück Labor zu tun hat oder damit, dass ich über längere Zeit intensiv mit einem Team am Stück gearbeitet habe.




Oder damit, dass du erstmals ausschließlich Autor warst?

Schwald: Für mich war das auf jeden Fall entscheidend.

Vetter: Ja stimmt. Es war für mich ganz neu, auf den Text reduziert zu werden. Es ist ja nicht einfach zu sehen, wo die Umsetzung beginnt und der Text aufhört. Wenn ich einen Text für die Bühne schreibe, kann ich nicht sagen, wo die Performance anfängt.

Žic: Das verbindet unsere Texte doch: Dass wir alle vom Machen, vom Hören, von der Bühne kommen. Und seit einem Jahr reden wir darüber, was es heißt, aus dieser Position heraus zu schreiben.




War der Austausch untereinander wichtig?

Schwald: Für mich war es sehr wichtig. Weil man in diesen Treffen die eigene Arbeit als Zentrum sehen konnte. Denn am Stadttheater ist man eingebunden in jedwelche Prozesse. Sich auf die eigentliche Arbeit zurückzubesinnen und ganz rudimentäre Fragen stellen zu können, das war toll.

Vetter: Als Hausautor ist man nur in einer einzigen Produktion am Haus involviert. Man ist ein kleiner Teil von einem riesigen Apparat.

Žic: Es war für mich ein Privileg, ein Jahr lang Teil eines Hauses zu sein. Das Theater ist ein Gebäude, das steht mitten in der Stadt und bittet die Leute herein. Mich hat es interessiert, Texte und Geschichten nicht aus mir zu schöpfen, sondern sie von außen zu holen, weil ich glaube, dass es genug Interessantes gibt in den Menschen und in der Welt. Es hat mich gereizt, mit dieser Institution im Rücken den Dialog mit dem Außen zu suchen.

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