Ausland

Interviews mit Samuel Finzi, Nikolay Yordanov und Neda Sokolovska zu den Protesten in Bulgarien

von

Protests made in Bulgaria

Der Schauspieler Samuel Finzi im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Herr Finzi, Sie haben vor ein paar Monaten der Süddeutschen Zeitung ein Interview gegeben, in dem Sie von einer neuen Energie berichteten, die Sie in Bulgarien bei den Protesten erlebt haben. Ich fand das überraschend, da Sie sonst in Bezug auf Bulgarien immer nur von Hoffnungslosigkeit und Resignation sprachen. Was ist jetzt anders?

Für mich war dieses Land politisch und energetisch lange gestorben. Es hat mich ehrlich gesagt auch nicht interessiert. Der Enthusiasmus vom Beginn der neunziger Jahre war verflogen. Es gab ab und zu mal Proteste gegen konkrete Ärgernisse – weil etwas zu teuer geworden war, oder gegen diese oder jene Partei – aber eine Idee oder Energie, die die ganze Gesellschaft aufrührt, die gab es nicht. Deshalb habe ich nur zugeschaut, wie dieses Volk einen unfähigen Regierungschef nach dem anderen gewählt hat. Alles versank in „balkanischer“ Korruption. Das ist ein bisschen anders als in Deutschland – hier gibt es sie auch –, aber in Bulgarien ist sie ganz offensichtlich. Das hat natürlich auch die ethischen und moralischen Werte der ganzen Gesellschaft untergraben, alles wurde so porös, alles wurde möglich – mit Geld natürlich. Eine kleine Schicht durfte sich alles erlauben, der Rest durfte irgendwie überleben.

Aber letztendlich suche ich keinen konkreten Schuldigen, es gab immer Wahlen und es kamen Leute an die Macht, die dieses Volk gewählt hat. Da zuzusehen, was für eine politische Schicht sich da in den letzten zehn/fünfzehn Jahren gebildet hat, war ernüchternd und zeigt, finde ich, die ganze Hoffnungslosigkeit. Ich habe natürlich ein ganz emotionales Verhältnis zu dem Land, klar, es gibt meine Eltern, es gibt meine Freunde, bestimmte Orte und so weiter, aber politisch hat mich überhaupt nichts mehr interessiert. Ich konnte mich nicht einmal mehr ärgern darüber. Ich habe es einfach hingenommen: Ok, die Idiotie geht weiter.

Als jetzt aber auf einmal diese Proteste anfingen, habe ich gemerkt, dass in dieser Gesellschaft doch noch ein guter Kern ist. Vielleicht ist es der Generationswechsel, der die Leute langsam aus ihren Löchern kriechen lässt, um zu sagen: So nicht mehr. Das Gute an den Protesten: Sie sind sehr unparteiisch. Das kann auch ein Nachteil sein, aber für mich ist das ein Vorteil. Man kämpft nicht für oder gegen eine Partei, sondern man kämpft gegen das System, also gegen den Verfall der Werte. Hauptsache, der nächste, der an die Macht kommt, hat eine saubere Weste und kann seine Arbeit tun.

Gibt es solche Leute in der Politik?

Ich denke, es gibt ein paar. Also, das hoffe ich zumindest. Sehr wenige, aber ein paar.

Andere sagen, in Bulgarien müsste eigentlich die komplette politische Klasse ausgetauscht werden.

Ja, absolut. Aber unter denen gibt es vier oder fünf, die professionell sind. Ich halte zum Beispiel sehr viel von Ivan Kostow. Er war damals Oppositionsführer sowie zwischen 1997 bis 2001 Ministerpräsident und hat das Land aus der Krise geholt. Ihm ist auch zu verdanken, dass Bulgarien Mitglied der EU geworden ist. Aber von dem will aus irgendwelchen Gründen jetzt keiner etwas wissen. Für mich ist das einer der wenigen, der das Land wieder stabilisieren könnte, aber gut …

Doch wie gesagt: Der Mangel an Personifizierung, an Identifikation mit einer bestimmten Klasse oder Partei hat auch etwas Gutes. Das macht es für die Staatsmacht sehr schwierig, die Demos zu bekämpfen. Denn die, die an der Macht sind, wissen nicht, gegen wen sie kämpfen. Die können nicht gegen das ganze Volk kämpfen. Das geht nicht. Deswegen suchen sie ständig und panisch nach irgendeiner Figur. Gerade reden sie über Oligarchen, über Strategen … völliger Quatsch. Die suchen ständig jemanden, den sie fertig machen können. Die bulgarischen Tageszeitungen sind – mit Ausnahme von einer – dabei schlimmer als jede Bild-Zeitung. Da wird mit allen Mitteln gearbeitet. Anschwärzen, Intrigen in die Welt setzen, Verschwörungstheorien …

Aber die Regierung hat sich einfach mächtig kompromittiert. Es fing an nach den letzten vorgezogenen Wahlen. Die neue Regierung aus Ex-Kommunisten, Nationalisten, der Partei der türkischen Minderheit und Teilen der GERB hat einen Typen zum Chef des Inlandsgeheimdienstes berufen, den man als absoluten Mafioso kennt.

Ja, angeblich ermittelt auch eben jener Geheimdienst, dessen Chef er werden sollte, derzeit gegen ihn.

Ja, ich meine, wie dumm muss man sein, so etwas zu machen? Welche Sinne sind da schon ausgelöscht? Was ist das für eine Partei? Was ist das für eine Entscheidung? Danach gab es sogar noch einen ähnlichen Fall mit einem Verwaltungschef in Sofia, der musste auch zurücktreten. Die haben sich einen Fauxpas nach dem anderen geleistet. Eigentlich klar, dass die Proteste jetzt so eine Energie haben. Eine kreative Energie. Das sind fast künstlerische Aktivitäten, die man auf der Straße beobachten kann.

Am 14. Juli sah ich zum Beispiel eine junge hübsche Frau, die angezogen war wie die Französische Revolution, halb nackt, wie das Bild von Delacroix. Ein anderes Mal schleppte ein Junge seinen Flügel vor das Parlament und sagte: Das ist mein Protest! Und spielte die ganze Nacht darauf. Die ganzen Slogans auf dem Plakaten sind oftmals total komisch. Es gab viele Kinder, die mit Plakaten rumliefen. Auf einem stand: Ich bin klein, aber ich habe große Träume. Das ist eine Energie, von der ich hoffe, dass sie nicht bald verschwindet. Wie ich jetzt höre, geht es nach der politischen Sommerpause wieder los. Die Zelte stehen noch vor dem Parlament und die Leute geben nicht auf. Ich war dabei, als Ende Juli Rammstein in Sofia spielte. Da waren 60 000 Leute, die nach dem Konzert Rücktritt gerufen haben. Da ist eine Kraft, immer, überall!

Aber wo kommt das so plötzlich her? An einem Generationswechsel allein kann es ja nicht liegen, oder?

Ja, wenn du auf die Demos gehst, siehst du Leute aus allen Schichten und Altersgruppen. Es wurde auch versucht, die Proteste abzutun als Demos der Satten, Hübschen … so ein Schwachsinn. Es wird alles niedergeschrieben. 2000 Leute … ich war Zeuge: es waren 30 000 Leute, 40 000 Leute. Die Polizei macht mit, glücklicherweise, steht brav daneben, es gab nur ein/zwei Vorfälle. Eine Anekdote: Die Sprecherin der Sozialisten kam aus dem Parlament und stieg in ein Taxi. Der Fahrer aber schmiss sie wieder raus. Sie stieg in das nächste Taxi, aber auch hier schmiss der Fahrer sie wieder raus. Man hat das Gefühl, die Leute sind persönlich beleidigt. Und das ist gut.

Aber wenn die Leute kein Programm, kein Ziel haben – wo könnten die Proteste hinführen?

Ein Ziel haben sie: die Wiederherstellung von Werten. Gesellschaftlichen Werten. Es ist ein wahnsinnig langer Prozess, weil viele Jahre bereits verloren wurden. Aber es ist gut, dass es so nicht weitergehen kann. Ich glaube, aus dem Chaos kann etwas entstehen. Dieses Land hat immer absolut unorthodoxe Lösungen gehabt. Allein schon, was die Judenfrage damals betrifft. Das war eine interessante Geschichte, denn ich glaube, es lag an der Mentalität der Bulgaren, dass sie, einfach aus Trotz, gesagt haben: Nö, da machen wir nicht mit. Antisemitismus kannten die gar nicht. Selbst dieser nationalistische Schwachsinn – ich will dessen Gefährlichkeit nicht abtun, aber das hat in Bulgarien keine Chance.

Gibt es Solidarität von außen?

Naja, es gab Erklärungen vom deutschen und französischen Botschafter, aber die wurden dann schnell zurückgepfiffen. Man muss einfach von allen Seiten Druck ausüben. Es muss neue Wahlen geben, und das Volk muss auch wählen gehen. Bei den letzten Wahlen war die Beteiligung bei unter 50 Prozent. Aber gut, jetzt sind alle aufgewacht. Das ist eine Chance, einen Schritt zu machen. Ich habe jetzt natürlich leicht reden, weil ich im Ausland lebe.

Nun treibt aber sicherlich auch viele die Hoffnung auf die Straße, dass alles bald besser wird, vor allem ökonomisch. Doch so schnell wird das nicht gehen.

Mit Sicherheit nicht, aber so schwer ist das nun auch wieder nicht. Bulgarien ist kein großes Land, es hat noch nicht mal 8 Millionen Einwohner. Ein bisschen mehr Infrastruktur, eine bessere Organisation des Geldes … Es gibt ja genug EU-Gelder, die als Hilfe einfließen könnten. Neulich war ich überrascht, ich wollte mir eine Badehose kaufen, irgendeine bekannte Marke, denke 170 Euro für eine Badehose? Kaufe ich natürlich nicht, schaue aber nochmal aufs Etikett und sehe „Made in Bulgaria“. Ah, schau mal an. 170 Euro. Meine Mutter bekommt nicht mal 80 Euro im Monat an Rente. Es wird nicht so schwierig sein, Geld dort ein bisschen umzustrukturieren, vor allem ein Sozialsystem aufzubauen, das gerechter ist als das jetzige.

Vom Ende der Selbstzensur

Nikolay Yordanov, Leiter des Internationalen Theaterfestivals „Varna Summer“, im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Herr Yordanov, in den deutschen Medien heißt es, die Proteste, die derzeit in Bulgarien stattfinden, waren noch nie so radikal und heftig wie jetzt. Journalisten sprechen von einem Erwachen der Zivilgesellschaft. Würden Sie dem zustimmen?

Natürlich gab es vorher auch schon Proteste, doch diesmal sind sie tatsächlich radikaler und heftiger. Aber was viel wichtiger ist: Die Proteste sind nicht nur politischer und wirtschaftlicher Natur, es geht diesmal tatsächlich um Werte, eine Diskussion, die in der Zeit des Übergangs gefehlt hat.

An welche Werte denken Sie da?

Das wichtigste: Transparenz bei Entscheidungsfindungen, die bisher immer gefehlt hat. Die Proteste haben sich an einer Entscheidung entzündet, die vollkommen undurchsichtig war. Da ging es um den neu besetzen Chefposten des Inlandsgeheimdienstes. Die neue Regierung hatte einen Mann auf diesen Posten gesetzt, der, wie man sich erzählt, Kontakte zur Mafia pflegen soll. Auf diese Entscheidung haben die Menschen sofort reagiert und sich übers Internet und die sozialen Netzwerke organisiert.

Das zweite, wofür hier protestiert wird, ist, dass Bulgarien seine europäische Orientierung beibehalten soll. Deswegen sieht man auch viele europäische Flaggen neben den bulgarischen Flaggen. Das Land soll sich nicht Richtung Russland orientieren. Man besteht auf die europäische Ausrichtung. Es war sozusagen eine der ersten Entscheidungen, die Bulgarien nach 1989 getroffen hat.

Das Dritte ist der Protest gegen die oligarchisch orientierte Regierung, etwas, was Bulgarien natürlich wieder von Europa entfernt.

Aber diese Probleme wurden ja schon vorher wahrgenommen.

Ja, es gab unterschwellig Protest, doch jetzt ist eben das Fass übergelaufen. Zudem sind jetzt genug junge Menschen herangewachsen, die das Bewusstsein haben, Bürger dieser Welt zu sein, die nichts mehr mit dem alten System zu tun haben, und die das einfach nicht dulden können und deswegen auf die Straße gehen.

Haben Sie selbst schon an den Protesten teilgenommen? Wie ist die Stimmung auf der Straße?

Ich nehme jeden Abend an den Protesten teil und ich bin der Meinung, dass man als selbständig denkender Mensch Position beziehen und seine Haltung zum Ausdruck bringen muss. Die Stimmung ist eine Mischung aus Freundschaft und einer positiven Art der Solidarisierung auf der einen Seite und Wut gegenüber den Entwicklungen im Land auf der anderen.

Ich habe während meines Aufenthalts in Varna das Buch „Grandhotel Bulgaria“ von Angelika Schrobsdorff gelesen, einer deutschstämmigen Schriftstellerin, die während des Zweiten Weltkriegs in Sofia gelebt hat und für eine längere Recherche 1996/97 dorthin zurückkehrt ist. Sie beschreibt ähnliche Szenen: Massenproteste vor dem Parlament, Blockaden – auch damals hat sich nichts wirklich geändert. Wie groß ist die Hoffnung, dass es jetzt anders ist? Was genau müsste sich ändern? Prinzipiell müsste doch ein Großteil der politischen Klasse schlichtweg ausgetauscht werden?

In den neunziger Jahren gab es natürlich auch Proteste und die haben auch dazu beigetragen, dass Bulgarien sich positiv entwickelt hat, u.a. dass es den EU-Beitritt geschafft und eine wirtschaftliche und politische Stabilität erlangt hat. Ein Gefühl für Gerechtigkeit aber, also das, was die Menschen in einer Gesellschaft verbindet, ist immer noch defizitär in Bulgarien. Es geht hier nicht um eine Utopie, sondern es muss Gerechtigkeit entstehen, sonst kann eine Gesellschaft nicht voranschreiten. Genau das ist es, was ich in den heutigen Protesten sehe: dass es in der Gesellschaft zu einer neuen Gerechtigkeit kommt. Es geht nicht darum, eine politische Klasse zu verändern oder rauszuschmeißen, sondern es geht darum, dass man eben zu einem Punkt kommt, wo es gewisse Normen gibt oder sagen wir: Grenzen, die man ziehen kann, unter die man nicht gehen darf. Man kann diese Forderung nach Gerechtigkeit genauso mit den Paradigmen der linken Parteien wie auch der rechten erreichen. Es ist also keine parteipolitische Geschichte, sondern die Parteien müssen zu einem Konsens kommen, um dann tatsächlich gewisse Normen und Standards zu setzen.

Haben die Leute überhaupt noch Vertrauen in die Politik?

Das Vertrauen ist tatsächlich untergraben, aber es besteht die Hoffnung, dass in näherer Zukunft eben Menschen kommen, denen man vertrauen kann.

Sie sprachen eben von Freundschaft und Wut auf der Straße. Neben der Euphorie, dass es doch recht viele Menschen sind, die auf die Straße gehen, herrscht anscheinend aber auch große Verzweiflung, die zu verzweifelten Taten führt: Auch in Varna hat sich im Februar ein junger Fotograf vor dem Rathaus angezündet. Inwieweit haben die Proteste, vor allem dieser tragische Fall in Varna, die Vorbereitungen für das Festival beeinflusst?

Die Proteste haben natürlich nicht nur die Gesellschaft beeinflusst, sondern auch ihren Widerhall im Theater gefunden. Es gab einen Moment in der Vorbereitung des Festivals, im Frühjahr, als die ersten Proteste zum Sturz der Regierung führten, wo man sich fragte, ob die Gesellschaft überhaupt zur Normalität zurückkehren kann und ob es dann überhaupt noch ein Festival gibt. Aber nachdem die rechte Regierung abgetreten war, hat sich dann alles zunächst normalisiert und man hat von dem, was danach kam, nur gewisse Obertöne wahrgenommen bei der Vorbereitung des Festivals. Es hat zumindest aber dazu geführt, dass es innerhalb der Theaterszene eine gewisse Verständigung gegeben hat, dass das Theater sich den realen Problemen zuwenden sollte.

Es gab bislang eine Verabredung, eine Art neuromantische Vorstellung, zwischen denen, die Theater machen, und denen, die Theater schauen, dass sich Theater mit den schönen Dingen und der großen Kunst beschäftigen müsse. Dem Theater in Bulgarien fehlt bzw. fehlte die starke Tradition des politischen Theaters. Doch inzwischen ist man überein gekommen, dass man nicht nur auf sich selbst fokussiert sein sollte, sondern über seinen eigenen Tellerrand hinaus schauen muss.

Gibt es dafür Beispiele?

Ja, es gibt die junge Gruppe Vox Populi, die auch auf dem Festival zu sehen war. Die haben nach dem Festival bereits Versuche unternommen, Projekte zu machen, die mit den ganz aktuellen Ereignissen in Bulgarien zu tun haben.

Auch „Medea, meine Mutter“ von Sfumato spielt auf die aktuellen Ereignisse in Bulgarien an, natürlich basierend auf der antiken Heldin Medea. Das dritte ist Alek Popovs Stück „Smiths“ über bulgarische Sexarbeiter in Osnabrück.

Inwieweit lässt sich das Motto des Festivals „Eine Epoche auf der Suche nach Helden“ politisch verstehen? Die Suche nach Helden war ja lange Zeit das Problem in Bulgarien. Diese Suche nach jemanden, der verspricht, im Staat aufzuräumen, letztlich aber doch nur weiteres Chaos erzeugt.

Im Prinzip kann man es natürlich politisch verstehen, es ist aber auch sehr ironisch gemeint. Es gibt zum Beispiel ein Stück, „Mr. Balkansky“, das auf dem großen Klassiker „Bay Ganyo“ vom Ende des 19. Jahrhunderts basiert. Bay Ganyo ist ein Rosenölhändler, der durch ganz Europa zieht und sich aufführt wie die Axt im Walde, sozusagen der negative Prototyp des Bulgaren. Insofern: Es gibt sowohl positive wie auch negative Helden. „Held“ meint im Bulgarischen manchmal aber auch einfach nur die Hauptperson in einem Film oder Stück. Es ist eine Anspielung auf Pirandello, wo die Hauptdarsteller ihren Autor suchen. Hier ist es jetzt quasi umgekehrt.

Während des Festivals sind viele internationale Gäste in Varna, ein Forum, das man hätte nutzen können, um die internationale Aufmerksamkeit auf Bulgarien zu lenken. Haben Sie nie darüber nachgedacht, die Proteste auch während des Festivals zu thematisieren? Oder Solidaritätsaktionen zu veranstalten? Oder eine öffentliche Diskussion unter bulgarischen und internationalen Theaterleuten zu initiieren?

Es wurde schon viel diskutiert auf dem Festival, aber letzten Endes weiß man eben doch, dass man seine Probleme im Land selber lösen muss. 2012 stand das Festival bzw. ein Symposium mit internationalen Gästen unter der Frage: „Wogegen protestiert das zeitgenössische Theater heute?“ Als ob man schon vorausgeahnt hätte, dass sich da was tut. Möglicherweise werden wir 2014 die Debatte während des Festivals weiterführen, indem wir auf wesentlich radikalere Weise die Fragen stellen und die Probleme ansprechen.

Der junge Fotograf wollte mit seiner Selbstverbrennung gegen die Stadtregierung protestieren und gegen deren angebliche Verstrickung mit einer in Varna ansässigen kriminellen Vereinigung. Nun wird das Festival ja auch u.a. von der Stadt unterstützt. Welche Auswirkungen hatten dieser Akt des Protestes und der später darauf folgende Rücktritt des Bürgermeisters auf die Organisation des Festivals?

Nachdem der Bürgermeister gegangen war, musste die Festivalorganisation zweieinhalb Monate warten, bis ein Stellvertreter, ein provisorischer Bürgermeister, gewählt worden war. Wir haben aber trotzdem auf eigenes Risiko angefangen, das Festival zu organisieren. Wir haben von der Kommune immer Unterstützung erhalten, aber es gab einfach keinen unterschriebenen Vertrag. Erst kurz vor dem Festival, als es dann den provisorischen Bürgermeister gab, gab es auch einen Vertrag. Jetzt gibt es Wahlen und auch eine neue Stadtregierung.

Wie groß sind da die Zweifel, wenn man hört, dass die Stadtregierung angeblich mit der Mafia zusammenarbeitet, während man selber auf deren Unterstützung angewiesen ist?

Im Prinzip sind schon seit Ende des Kommunismus bzw. der Übergangszeit eigentlich alle Kulturschaffenden permanent in dieser Situation. Es gibt nur ganz wenige kulturelle Ereignisse, die ohne Unterstützung der Regierung oder Gemeinden zustande kommen. Es ist immer die Frage, inwieweit man eine berufliche Beziehung zu diesen Stellen, sei es Ministerien oder kommunale Einrichtungen, aushalten kann. Aber in Varna sind auch sehr viele in der Stadtregierung tätig, und nicht alle gehören zu den alten Kadern. Wir haben mit der Kulturkommission der Gemeinde zu tun gehabt, wo wir auch unser Programm vorstellen, und da hat es nie irgendwelche Schwierigkeiten oder Missverständnisse gegeben. Die Leute haben im Februar/März gemerkt: So kann es nicht weitergehen. Der Rücktritt des Bürgermeisters war so eine Art Ventil. Danach hat man mit ganz anderen Leuten verhandelt, die man schwerlich langjähriger Vetternwirtschaft oder solcher Kontakte beschuldigen kann. Das waren sozusagen frische Leute.

Wie groß ist die Angst in Bulgarien, vor allem unter Personen des öffentlichen Lebens, wie es auch Theaterleute und Theater- bzw. Festivalleiter sind, vor Konfrontationen mit Gruppierungen wie der in Varna ansässigen kriminellen Vereinigung? Gibt es eine Art Selbstzensur, wenn man versucht, Themen wie Mafia auf der Bühne anzusprechen?

Es ist nicht so, dass das Theater so große Gewinne erzielen würde, dass man direkt in den Blickpunkt dieser Gruppierungen gerät. Diese Berührungspunkte sind peripher, aber klein sind sie trotzdem nicht. Es gibt natürlich eine Art gesellschaftliche Heuchelei, die bei allen Ländern anzutreffen ist, die sich auf diese Art und Weise gerade entwickeln. Aber jetzt gibt es gerade während der Proteste einfach sehr viele Intellektuelle, sei es aus dem Theater oder sonst woher, die öffentlich ganz klar ihre Meinung kundtun, auch in den Medien, im Fernsehen, im Internet.

Wenn, dann kann man gerade jetzt davon sprechen, dass die Selbstzensur abgeschafft wird. Leute wie der Autor Georgi Gospodinov oder der Regisseur Javor Gardev, die sich jetzt öffentlich einmischen, sind Identifikationsfiguren im Protest.

Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann.

Ein Korridor zwischen Theater und Straße

Die Regisseurin Neda Sokolovska über die Geburt des Dokumentartheaters in Bulgarien in Zeiten politischen Protests im Gespräch mit Dorte Lena Eilers

Frau Sokolovska, Sie waren im Juni 2013 mit Ihrem Stück „Yatse Forkash“ beim internationalen Theaterfestival in Varna zu Gast. Für mich fühlte es sich in diesem Jahr sehr seltsam an, in Varna ins Theater zu gehen, nachdem sich ein paar Wochen vorher ein junger Fotograf, Plamen Goranov, vor dem Rathaus selbst angezündet hat. Diese Tat wirkte wie ein letzter verzweifelter Versuch des Protests – mit schrecklichen Konsequenzen. In den deutschen Medien werden die Proteste tatsächlich als sehr viel radikaler wahrgenommen als in den Jahren zuvor. Journalisten sprechen von einem Erwachen der Zivilgesellschaft. Würden Sie dem zustimmen?

Was mich am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, dass dieser radikale Akt des Protests (und Selbstverbrennung ist eine sehr extreme Form des persönlichen Protests) so schnell vergessen wurde und als Unfall oder – noch viel schlimmer – als ein schwacher Moment des Geistes abgetan wurde. Wenige Menschen haben die Heldenhaftigkeit und Reinheit dieser Aktion begriffen. Plamens Name wird inzwischen weder erwähnt noch mit den fortlaufenden Protesten in Verbindung gebracht. Ich jedenfalls glaube, dass Plamen und seine Anhänger zum unsichtbaren Prüfstein für Einsatz, Mut und Intoleranz gegenüber den politischen Ungerechtigkeiten in Bulgarien geworden sind. Selbst die Ignoranz der öffentlichen Medien konnte den enormen Einfluss dieser Selbstverbrennung auf die Psychologie der Menschen nicht verringern. Die kollektive Angst vor Ungehorsam und der Äußerung individueller politischer Bedürfnisse wurde dadurch untergraben. Ich glaube, dass Plamens tragischer Akt des Engagements und der Verzweiflung die finale Abkopplung des bulgarischen Volkes von der Regierung markiert. Ich möchte gerne glauben, dass das Phänomen der Massenproteste 2013 wirklich bedeutet, dass unserer verschlafene Zivilgesellschaft endlich aufwacht. Aber wir dürfen nicht vergessen, welch hoher Preis dafür bezahlt wird.

Ihre Gruppe Vox Populi hat sich zum Ziel gesetzt, die Form des dokumentarischen Theaters – in Bulgarien bislang nicht verbreitet – zu etablieren. Ist dieser Ansatz inspiriert von der derzeitigen Situation in Bulgarien? Sind „die Menschen von der Straße“, die normalen Leute mit ihrer normalen Sprache und ihren wahren Geschichten gerade wichtiger für das Theater als Klassiker wie Shakespeare oder zeitgenössische Autoren, die mehr oder weniger fiktive Geschichten erzählen?

Ich kann nicht sagen, dass die Stimme des einfachen Volkes wichtiger ist als die Worte von Shakespeare, das wäre, als würde man behaupten, Gläser seien wichtiger als Blumen oder grün wichtiger als weiß. Für mich ist Theater ein riesiges Gebiet, das Platz und Ressourcen für die verschiedensten künstlerischen Ästhetiken, Formen und Methoden bietet. Dokumentarisches Theater antwortet bestimmten kulturellen Ansprüchen, während es andere nicht befriedigen kann.

Für mich stellt das dokumentarische Theater eine Art Durchgang oder Korridor dar zwischen Theater und Straße (der Realität!). Was ich daran attraktiv finde, ist die Unmöglichkeit, einfach dazusitzen und zuzuschauen. Wer würde in einem Durchgang einfach passiv sitzenbleiben? Die Zuschauer sind organischer Teil der Performance – das sind die natürlichen essenziellen Bedingungen dieser Form von Theater. Eine andere Herausforderung ist das Fehlen festgelegter Regeln, was uns erlaubt, eigene Ausdrucksmittel, Wege und Routinen zu entwickeln. Der Grund, warum wir das Studio (Dokumentarisches Theaterstudio Vox Populi) Anfang 2012 gegründet haben, war das Bewusstsein dafür, dass Bulgarien eben diese riesige Menge an Problemen hat – Themen, die untersucht und an die Öffentlichkeit gebracht werden müssen. Dafür erschien das dokumentarische Theater (als direktes Werkzeug für die Verbreitung kritischer, politischer, humanistischer Ideen) als die vielversprechendste Plattform. Dokumentarisches Theater wurde vor unserer ersten Produktion „The invisible#1“, in der wir, basierend auf Interviews mit behinderten Menschen zu den Themen Vereinzelung und erzwungene Immobilität, die Verbatim-Technik das erste Mal angewandt haben, nicht als unabhängige Theaterform anerkannt.

Der junge Mann in Varna wollte gegen die Verbindung von Politik und organisiertem Verbrechen protestieren. Ist das für Ihre Gruppe auch ein Thema? Oder ist es zu gefährlich, ein Stück über die Mafia zu machen?

Um das Fehlen einer starken Tradition von politischer Kunst in einem so kontroversen und politisch komplizierten Land wie Bulgarien zu verstehen, muss man sowohl die historischen als auch die psychologischen Voraussetzungen betrachten. Das Theater wird als Träger des Schönen, des Traums, der Weisheit und Unterhaltung betrachtet, während das Alltägliche als zu prosaisch, deprimierend oder schlicht unwürdig galt, um Gegenstand einer theatralen Interpretation zu werden. Dabei möchte ich festhalten, dass ich damit hauptsächlich das Theater der post-kommunistischen Zeit meine. Heutzutage, nachdem das dokumentarische Theater nach seiner „Geburt“ so viel Sympathie und Unterstützung von Künstlern, Zuschauern und kulturellen Institutionen in Bulgarien erfahren hat, stellt sich die Frage: Welche Themen werden wir auf der Bühne untersuchen? Wie kritisch, subjektiv und politisch kann dokumentarisches Theater sein, bis es sowohl für Künstler als auch Unterstützer zu gefährlich wird? Natürlich wäre es gefährlich, ein Stück über bestimmte Themen zu bringen. Trotzdem ist es wert, das Risiko einzugehen, wenn das Stück die richtige Botschaft vermittelt und tatsächlich eine objektive Wahrheit enthält – eine profunde Analyse eines speziellen Problems. Ich persönlich finde es für das bulgarische dokumentarische Theater wichtiger, zunächst eigene Regeln und Werkzeuge des Ausdrucks zu entwickeln, einen Kreis von Zuschauern zu finden, einen stabilen Stand innerhalb der öffentlichen Medien und kulturellen Institutionen zu finden, um danach eine genauere Untersuchung von Themen wie Mafia, Korruption, sozialer Ungerechtigkeit usw. anzugehen.

Kann Theater tatsächlich dadurch helfen, eine Zivilgesellschaft aufzubauen?

Theater kann moralische Botschaften vermitteln, Identifikation mit bestimmten Problemen oder Individuen provozieren, Einstellungen ändern, Gemeinschaften formen. Aber das wichtigste ist: Theater erzeugt Beteiligung, Engagement. Und Engagement erhöht das Verantwortungsbewusstsein, beides ist wichtig für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft. Also ja – ich glaube, dass das Theater helfen kann, eine Zivilgesellschaft aufzubauen.

Wie denken Sie, sieht die Zukunft Bulgariens aus?

Bulgarien ist kein unabhängiger Mikrokosmos – alle Prozesse (egal ob politische, ökonomische, soziale oder kulturelle) interagieren mit der globalen Situation, hallen in ihr nach, werden von ihr reflektiert. In diesem Sinne hängt die Zukunft Bulgariens von internen und externen Faktoren ab und ich finde es sehr schwierig vorherzusagen, was passieren könnte. Ehrlich gesagt, bin ich nicht optimistisch, was die ökonomische und politische Dimension betrifft, aber ich bin sehr optimistisch, was das Entstehen einer Gesellschaft in Bulgarien angeht, die moralischer, wacher und fordernder ist.

Aus dem Englischen von Annika Becker.

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