Gespräch

Was macht das Theater, Volkan T error?

von und

„Mein Kampf“, „Volkida“ und die gefickte Integration: Der Rapper, Theatermusiker und Mitinitiator der Akademie der Autodidakten am Berliner Ballhaus Naunynstraße Volkan T error (auf dem Foto in Rimini Protokolls „Mein Kampf“) lässt sich ungern eine Gelegenheit zur Provokation entgehen. Der studierte Ethnologe und Politikwissenschaftler ist Mitbegründer des Labels Endzeit Industry.

Volkan T error, Sie haben bei Rimini Protokolls Produktion „Mein Kampf“ mitgespielt. Waren Sie da als Musiker, als Provokateur oder als Deutschtürke gecastet?
Ich provoziere schon gern, das liegt in meiner Natur. Und ich habe auch gemerkt, dass man Diskurse nicht anstößt, wenn man politisch korrekt oder gut reflektiert agiert, sondern indem man provoziert. Das löst dann Nachdenken aus. Aber zu dem Projekt bin ich in erster Linie als Musiker gestoßen. Wir haben dann viel miteinander über „Mein Kampf“ gesprochen. Und aus diesen Gesprächen ist das Stück entstanden.

Foto Candy Welz
Foto Candy Welz

War die Produktionsweise grundsätzlich anders als bei der Entwicklung von Rap-Songs?
Es gab gar nicht so viele Differenzen. Ich bin ja auch einer der Leiter der Akademie der Autodidakten am Ballhaus Naunynstraße und habe selbst als Autodidakt das Performen erlernt. Mit Rimini Protokoll hat sich das gar nicht fremd angefühlt für mich.

Wie hat das Publikum reagiert?
Im Großen und Ganzen sehr positiv. In Weimar, zur Premiere, war alles noch sehr verhalten. In Graz und auch in München haben die Leute viel gelacht. Zürich war eher neutral, in Mannheim und Berlin war es lebhafter. Demnächst gehen wir nach Leipzig und Dresden – und sind gespannt, wie es da wird.

Also mitten ins Herz von Pegida und Legida. Haben Sie da Angst?
Wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht. In Weimar war sicherheitshalber Polizeischutz da. Man konnte nicht einschätzen, ob da Rechte kommen oder nicht. Auf die nächsten Gastspiele sind wir gespannt. Aber Angst haben wir nicht.

Von Ihnen sind ein paar ältere Songs im Stück zu hören, eher von der krasseren Art. In einem geht es um eine von männlicher Postmigrantenhand zerquetschte deutsche Kartoffel, ein anderes haben Sie mit Deso Dogg aufgenommen, dem als mutmaßlich getöteten IS-Kämpfer zu trauriger Berühmtheit gelangten Ex-Rapper. War das nicht etwas weit entfernt von „Mein Kampf“?
Nein, gar nicht. Das hat alles gut zum Thema Rechtsradikalismus gepasst. Ich war selbst verblüfft, wie aktuell die Inhalte heute noch sind. Als ich das Album „Sprich Deutsch oder stirb“ aufnahm, zu dem der Song „Neues Deutsches Opfer“ mit Deso Dogg gehört, meinte mein Produzent: „Volkan, das ist doch nicht zeitlos. Nach ein, zwei Jahren will da niemand mehr was von wissen.“ Aber jetzt stehe ich damit auf der Bühne, und mit dem Clip zu „100% Deutsche Kartoffel“, der 2010 entstanden ist, auch. Das hat eine Brisanz und Aktualität gewonnen, die mich geradezu schockiert. Wir haben das gemacht, um als Rapper gegen den Rechts-Rap zu agieren und um zugleich gegen die Opferrolle anzugehen.

Der Song mit Deso Dogg ist heutzutage aber verboten, oder?
Genau. Die internationale Musikgemeinschaft hat sich gegen Deso Dogg ausgesprochen. Sie will ihn nicht unterstützen und hat daher sein komplettes Material vom Markt genommen. Ich bin da indirekt in Mitleidenschaft gezogen worden.

Das war, weil die GEMA keine Tantiemen an Deso Dogg auszahlen wollte?
Ja.

Aber kann man da die Autorenrechte nicht trennen?
Das habe ich mir anfangs auch gedacht. Aber vielleicht ist es einfach zu kompliziert, das zu trennen.

Fühlen Sie sich nun als ein Opfer der Musikindustrie oder als ein Opfer des IS?
(lacht) Ich fühle mich immer als ein Opfer der Musikindustrie! Aber ich wollte eigentlich schon länger neue Sachen machen und so ist das ein Anreiz.

In Ihren Texten lassen Sie kaum einen Gegner aus: Sozialarbeiter, die sich mit Hip-Hop-Workshops im vermeintlichen Straßenjargon anbiedern wollen, die eigenen Rap-Kollegen, Rechtsradikale, die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Wer ist nun dran?
Ich sitze an einem Song und bereite auch eine Facebook-Seite vor, die Volkida heißt. Da geht es um die Volkanisierung des Abendlandes unter dem Titel: Ihr braucht einen Führer, ich brauche ein Gefolge. Diese Seite kann man liken. Ich denke, man muss das Ganze mal auf die Schippe nehmen. Und dann habe ich einen Song gemacht, wie ich die Integration ficke. Das Thema ist ja wichtig, aber es wird immer nur im Kontext von Migranten und Postmigranten erzählt. In der Straße in Kreuzberg, in der ich wohne, gibt es eine ganze Menge Leute, die nicht Deutsch sprechen, die aber die Hipsterläden und Pizzerien betreiben, die französischen Friseure und, und, und. Ich verstehe nicht, warum Integration immer mit deutscher Sprache gleichgesetzt wird oder auf dem Rücken der Migranten und Postmigranten generell im islamischen Kontext ausgetragen wird. Und auf der anderen Seite gibt es Deutsche, die auch in die Gesellschaft integriert werden müssten, die Obdachlosen etwa oder auch die Neonazis, doch darüber wird nicht gesprochen. //

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