- Anzeige -

Protagonisten

An vorderster Stelle der Avantgarde oder Der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit

von und

Nicolas Stemann anlässlich des 70. Geburtstags von Elfriede Jelinek im Gespräch mit Jakob Hayner

Nicolas Stemann, der erste Text von Elfriede Jelinek, den Sie inszenierten, war „Das Werk“ im Jahr 2003. Was bedeutete das für Sie, einen Jelinek-Text auf die Bühne zu bringen? Was hat Sie angezogen, was eventuell auch abgestoßen?
Ich dachte zunächst, dass ich das nicht machen kann. Ich war ziemlich am Anfang meiner Regielaufbahn, hatte gerade mit „Hamlet“ und ein paar anderen Stücken erste Erfolge gehabt, als das Burgtheater auf mich zukam. Sie hatten „Das Werk“ in Auftrag gegeben, nach dem „Sportstück“ sollte es die zweite Zusammenarbeit zwischen Elfriede Jelinek und Einar Schleef werden. Nun war, während Elfriede daran schrieb, Einar Schleef gestorben – und sie wussten nicht, was sie jetzt damit machen sollten. Das Stück war als großes Chor-Epos geschrieben: Es gab den „Chor der Peters“ und den „Chor der Heidis“, den „Chor der Hänsels und Tretels aus dem Arbeiterheer“, am Schluss trat dann noch der „Chor der Mütter auf der Dammkrone“ auf. Man merkte, wie sehr Elfriede beim Schreiben an Schleef gedacht hatte. Alles an diesem Stück schrie nach Schleef als Regisseur. Ich wusste nicht, was ich da zu suchen hatte. Außerdem verstand ich bei den ersten Leküreversuchen wirklich nur Bahnhof.

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

Dass ich schließlich doch zusagte, lag an einem ersten Treffen mit Elfriede. Sie war wirklich sehr entzückend, verstand mein Zögern („Ich würde das auch nicht gern inszenieren müssen“), ermutigte mich dann aber, es trotzdem zu versuchen, und versprach mir, dass ich wirklich völlige Freiheit mit dem Text hätte, ich könnte alles streichen oder auch umschreiben, und vor allem: ich dürfte sie auch „verarschen“. Dass eine Frau, die einen solchen Text schreiben konnte, gleichzeitig eine solche Lockerheit aufbrachte, imponierte mir sehr. Ich bereute die Zusage allerdings sofort beim nächsten Blick ins Stück und wollte noch zwei Wochen vor Probenbeginn aussteigen, was mir dann aber vonseiten des Burgtheaters mit sanftem Druck und Hinweis auf den bereits unterschriebenen Vertrag ausgeredet wurde. Die Skepsis legte sich dann übrigens recht bald während der Proben. Sobald ich die Texte mit Schauspielern laut lesen und damit musizieren konnte, kamen sie mir überhaupt nicht mehr so kryptisch vor, im Gegenteil, mir erschloss sich zunehmend die große Musikalität, die Genauigkeit, die Konkretheit und nicht zuletzt auch die Komik – womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, vielleicht auch deshalb, weil ich immer noch so sehr Schleefs Ästhetik vor Augen hatte, die ja alles Mögliche war, monumental, künstlerisch, unbedingt, real, aber eben nicht wirklich komisch.
Dass „Das Werk“ dann ein Erfolg werden würde, habe ich allerdings während der Proben nicht erwartet. Ich dachte die ganze Zeit, dass Schleef (den ich sehr bewunderte) das natürlich besser gemacht hätte. Hätte er vielleicht auch. Wobei – vielleicht auch nicht. Ich habe es dann ja ganz anders gemacht: Ich hatte zwar auch einen Arbeiterchor (quasi als Schleef-Hommage), der hatte aber nur einen Satz zu sagen, nämlich dass er auf Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten besteht. Den Rest dieses monumentalen Textes habe ich mit einem vergleichsweise kleinen Ensemble gemacht, junge Schauspieler, die diesen Text laut lesen und dabei ein Verhältnis dazu entwickeln, daran zugrunde gehen, das Stück immer wieder wegwerfen, die Autorin beschimpfen, von ihr beschimpft werden, die eigene Lebenslust und den Hedonismus immer wieder gegen die Moral ins Feld führen – und die Frage stellen, ob sie in ihrer vermeintlichen Unschuld nicht doch eher Teil des Problems als der Lösung sind. Als Jelinek ein paar Tage vor der Premiere dann das erste Mal kam, um einen Durchlauf anzuschauen, hatte ich etwas Sorge, dass sie beleidigt sein wird, weil wir ihr schönes Werk so zerfetzen. Aber sie war völlig begeistert und sagte etwas wie, dass sie sich lange nicht so verstanden gefühlt habe. Was ja lustig war, weil ich die ganzen Proben über immer gestöhnt hatte, dass ich das alles nicht verstehe. Das Arbeiten mit und gegen den Text schien etwas zu sein, was ihren Texten sehr guttat und was sie sich für die Texte wünschte. Das war dann, obwohl ich nicht damit gerechnet hätte, der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit.

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Das Gedächtnis des Theaters

Tote Materialien gibt es nicht – Ein Vierteljahrhundert war Hans Rübesame Archivleiter des Deutschen Theaters Berlin

Umzug als Chance

Überlegungen zur neuen Präsentation der Puppentheatersammlung Dresden

Im Bann der eigenen Geschichte

Zum 60. Geburtstag von Theater der Zeit 2006 warf Chefredakteur i.R. Martin Linzer einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Abriss über die Geschichte des Magazins.

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach