Thema

Deutsch-deutsche Asymmetrien

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, über die Erfindung des Ostdeutschen und koloniale Aspekte der Wiedervereinigung im Gespräch mit Anja Nioduschewski

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Foto: Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit
Foto: Fritz Engel / Archiv Agentur Zenit


Thomas Krüger, Sie haben 2017 in einem Interview für die Berliner Zeitung gesagt: „In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt.“ Das Stichwort „kultureller Kolonialismus“ hat sehr viel Unmut auf sich gezogen. Später meinten Sie, Sie würden das so nicht wieder sagen. Im April waren Sie in Dresden auf einer Tagung unter dem Titel „Kolonie Ost?“, die sich mit Aspekten von „Kolonisierung“ nach 1990 im Osten Deutschlands auseinandersetzte. Ist der Begriff doch gerechtfertigt?

Mit dem Begriff des „kulturellen Kolonialismus“ wollte ich eigentlich an die lateinamerikanische Dependenztheorie des Soziologen Aníbal Quijano anknüpfen. Dieser spricht von „Kolonialität“ als Praktik, bei der bestimmte Asymmetrien, die existiert haben, fortbestehen und sich unter den neuen ökonomischen Bedingungen reproduzieren. So ähnlich ist dies kulturell nach 1989/90 auch hier zu beobachten: dass Asymmetrien sich eingeschrieben und zu einer kompletten Unterrepräsentanz Ostdeutscher und auch zu einem Rauserzählen ostdeutscher Diskurse im wiedervereinigten Deutschland geführt haben. Das betrifft alle Institutionen, in der Wirtschaft, in der Politik, an Universitäten und so weiter.
Überall sind Ostdeutsche in leitenden Positionen unterrepräsentiert. Es entstehen Asymmetrien, Dependenzen, einseitige Machtstrukturen. Dieser Mechanismus ist viel zu wenig reflektiert worden. Ich bin, wenn man so will, selber eine große Ausnahme. Und das wiederum auch nur im Feld des „Gedöns“.

Sie sind einer der wenigen in der DDR Geborenen, der eine bundesdeutsche Institution leitet.

Nur 4,2 Prozent der Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft sind von Menschen mit „Osthintergrund“ besetzt, das hat gerade eine Studie der Universität Leipzig im Auftrag von WDR und MDR gezeigt. Dabei wird deutlich: Kein einziger Rektor oder Präsident der 81 öffentlich-rechtlichen Hochschulen in Deutschland stammt aus dem Osten. Und auch bei den 190 Dax-Vorständen sieht es mit lediglich vier Ostdeutschen ziemlich mau aus. Das heißt: Viele Weichenstellungen, die seit 1990 bei der Rekrutierung von Elitenpersonal stattgefunden haben, verstärken sich sogar noch. Soziologen nennen das „das Prinzip der Ähnlichkeit“. Auch durch die nächste Generation wird sich das nicht lösen lassen.
Aber noch einmal zum Begriff Kolonialität im Gegensatz zu Kolonialismus, der historisch durch die Zeit der territorialen und auch rassistischen Unterordnung konnotiert ist: Die Vokabel „kultureller Kolonialismus“ hebt eben aus meiner Perspektive eher auf das Strukturphänomen von Kolonialität ab, also das Fortbestehen von Abhängigkeiten.

Lassen sich diese Machtsymmetrien überhaupt noch korrigieren?

Und wie, wenn man nicht Quotenvorgaben macht? Ich bin mir nicht sicher, ob durch Quoten dann die „richtigen“ Ostdeutschen zum Zuge kommen und ob eine Quotierung nicht letzten Endes sogar kontraproduktiv ist. Ich glaube, dass sich das Problem in der Erfahrungsgeneration und deren unmittelbaren Nachkommen schwer lösen lässt. Es wird eigentlich erst lösbar, wenn der Prozess der Historisierung eingetreten ist. Also nach der dritten Generation. Wir wissen das aus vielen anderen Beispielen, wie bei den sudetendeutschen Vertriebenen und jenen aus Ostpreußen. Sie erzählten ihr Vertreibungstrauma im Grunde nicht weiter. In der zweiten Generation, der sogenannten traumatisierten, neurotischen Generation, versiegelte sich das Thema. Der dritten, der Enkelgeneration, wurde es noch mal als Hypothek mitgegeben, erst danach nivellierte sich das Ganze beziehungsweise historisierte sich.

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