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Die Kunst, ein Produktionshaus zu etablieren

Warum Pirkko Husemann, Künstlerische Leiterin der Schwankhalle Bremen, nach nur fünf Jahren das Haus verlässt

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Wohin mit den performativen Künsten? Diese Frage müssen sich Städte, in denen es ­Ausbildungs- und Spielstätten, eine Aufführungstradition sowie ein Fach- und Fan-Publikum gibt, nicht stellen. In Bremen indes, wo das Stadttheater der unangefochtene Platzhirsch bühnenkünstlerischer Angebote ist, gibt es all dies nicht. Zwar biete auch das Theater Bremen unter Michael Börgerding Abstecher in die performing arts, aber eben „nur“ Abstecher. Aus diesem Grund sollte die 2003 eröffnete Schwankhalle zu einer Art Klein-Kampnagel mit überregionaler Strahlkraft ausgebaut werden. Mit diesem Ziel ­wurde Pirkko Husemann, von 2008 bis 2012 Tanzkuratorin am Berliner HAU, im Jahr 2015 zur neuen Leiterin gekürt. Sie holte Promis der Performance-Szene nach Bremen – und fast kein Schwein guckte zu. Durchschnittlich blieben annähernd zwei Drittel aller ­Plätze leer. Alarmstimmung auch in der Kulturbehörde und Aufregung in der freien Szene vor Ort, die sich ihrer Spielstätte beraubt sah. Husemann stand zwölf Monate nach Dienstbeginn bereits auf wackligem Boden – und justierte nach. In der zweiten Saison 2016/17 waren mehr als zwei Drittel aller Plätze besetzt. 9358 Zuschauer seien zu 154 Veranstaltungen gekommen, diese Zahlen seien seither stabil, so Husemann. Dennoch verlässt die Chefin in diesem Sommer das Haus. Einerseits aus privaten Gründen, ihre Familie wohnt in Brandenburg, andererseits auch aufgerieben durch die finanzschwache Bremer Kulturpolitik. Sie sei nicht initiativ und gestalterisch tätig, es gehe immer nur darum, das Bestehende zu bewahren, beklagt Husemann. Wer Visionen in die Zukunft bauen will, den lässt solch ein Denken in Stagnation wohl resignieren.

Foto Talea Schuré
                                                                                                        © Foto: Talea Schuré

Ob Performances in Bremen überhaupt einen Ort brauchen, ist für Husemann keine Frage. Kaum mit Bildungsgepäck be­laden, seien sie niedrigschwellige Angebote, die theaterfernen Menschen den Zugang zum Theater ermöglichen. Viele Arbeiten würden allein schon durch die Atmosphäre, die Präsenz der Körper und authentische ­Ansprache funktionieren. Nicht selbsterklärende, abstrakt formalistische Darbietungen lädt die Kulturmanagerin seit ihrem zweiten Amtsjahr nur noch ein, wenn sie konkret ­etwas zu sagen haben. Denn zu verkaufen, das hat Husemann von den Hanseaten gelernt, seien Performances nicht über die möglicherweise innovative Ästhetik, sondern über ihre gesellschaftlich-politischen Inhalte. Werde deutlich gemacht, es gehe um queere oder feministische Themen, Inklu­sion oder Identitätspolitik, kämen auch ­Besucher. Gut angenommen sei auch das solidarische Preissystem. Jeder Besucher kann frei wählen, ob er sieben, zehn oder 14 Euro investieren möchte, durchschnittlich werden zehn Euro bezahlt.

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