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Howgh, ich habe gesprochen!

Der Philosoph Slavoj Žižek über sein Theaterstück „Die drei Leben der Antigone“ im Gespräch mit dem Regisseur Felix Ensslin

von und

2015 veröffentlichte der slowenische Philosoph und Kulturkritiker ­Slavoj Žižek sein erstes Theaterstück: „Die drei Leben der Antigone“, ein Thea­t­erexperiment im Geiste des Brecht’schen Lehrstücks, das Sophokles’ „Antigone“ in drei Versionen erzählt – mit ebenso vielen Enden. Ist Antigone, die sich, um ihren Bruder Polyneikes zu bestatten, dem Verbot Kreons widersetzt, wirklich eine Heldin im Widerstand gegen die Staatsmacht? Felix Ensslin inszenierte dieses lange als unspielbar geltende Stück mit dem belgischen Agora Theater. Anlässlich der Deutschlandpremiere sprach er im FFT Düsseldorf mit Slavoj Žižek über das Misstrauen gegen vermeintliche Helden, den Golfspieler Donald Trump, Gottes barbarische Seite und die fatale Sehnsucht nach Authentizität.

Slavoj Žižek, Sophokles’ Antigone wird gemeinhin als Heldin des Widerstands gegen eine unmenschliche Staatsmacht gelesen. Was hat dich an dieser Figur interessiert?

Ich bin ein Philosoph, der sehr gerne verunsichert. Ich sage: Vergesst diesen ganzen psychologischen Bullshit. Ihr seid frei zu wählen? Nein! Ich stehe weder auf der einen, noch auf der anderen Seite, sondern auf einer dritten. Ich tue dies, um zu schockieren. Ich denke, Antigone ist die Böse. Es gibt zahlreiche Versionen, nicht nur meine drei. Ich mag beispielsweise Jean Anouilhs „Antigone“ sehr, wenngleich sie oft als protofaschistisch abgetan wird. An diesem Stück lässt sich die ganze Verrücktheit des Vorgangs der Interpretation ablesen. Das Stück, 1944 in Paris uraufgeführt, wurde als großes Drama der französischen Résistance gelesen. Aber auch die protofaschistischen Intellektuellen Robert Brasillach und Charles Maurras liebten das Stück. Warum? Sie sahen Kreon als jüdisches Oberhaupt und Antigone als wahre ­Faschistin, die ihr Blut für den Widerstand gegen die Entfremdung durch den Staat opfert.
Eine weitere Variante: Ein guter Freund von mir, der israelisch-amerikanische Filmemacher Udi Aloni, adaptierte „Antigone“ für das Freedom Theatre in Jenin im Westjordanland. In seiner Version sind es die Israelis, die Antigone verbieten, ihren Bruder, der als Kämpfer des palästinensischen Widerstands von den Israelis getötet wurde, zu bestatten. Diese Übertragung aber macht es einem zu einfach. Sie ist sogar regelrecht falsch. Man sollte nicht vergessen, dass Polyneikes wirklich ein bad guy war. Richtiger wäre gewesen, wenn die Familie, nachdem Polyneikes getötet wurde, herausgefunden hätte, dass er ein Spitzel der Israelis war. Erst dann wird die Ungeheuerlichkeit der Bitte, ihn zu beerdigen, klar.
Sogar in Brechts „Antigone des Sophokles“ wird im Vorspiel Polyneikes zu einem Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Aber sorry, das macht es einem doch wirklich zu einfach zu verstehen, warum jemand auf eine ordentliche Beerdigung dieses „wahrhaften Helden“ pocht.
Meine ultimative Version für Deutschland wäre – Pardon für die Geschmacklosigkeit, aber ich mag es, geschmacklos zu sein: Antigone ist die Schwester Adolf Hitlers und sagt zu den Russen: „Ok, ihr habt ihn umgebracht, aber jetzt befielt es ein höheres Gesetz, dass ich ihn angemessen bestatten darf.“ Erst das ist ein ernsthaftes Problem.
Liest man hier immer noch Karl May? Am Ende sagt Winnetou immer: „Howgh, ich habe gesprochen.“

Am Ende sagt Winnetou „Winnetou stirbt als Christ.“ Das ist der letzte Satz von Winnetou III.
Hast du ein Problem damit? Ich meine, ich bin ein atheistischer Protestant. Es gibt eine Reihe guter Theologen, die darauf hinweisen, das in der Bibel Gott zwar als allmächtig dargestellt wird, aber auch als moralisch total barbarisch. So könnte man auch die Aufopferung Christi lesen, als Entschuldigung Gottes: „Ich habe Mist gebaut. Sorry! Ich bezahle dafür mit dem Tod meines Sohnes.“

Du hast über siebentausend Bücher geschrieben – aber nur ein Theaterstück. Über die Figur der Antigone verhandelst du die Fragen, was der Unterschied zwischen Subjektivität, Widerstand, Heldentum, Natur und Kultur ist. Du hast nicht nur ein alter­natives Ende geschrieben, sondern drei. Bei einem davon muss ­Antigone überleben.

Warum?

Weil du es so geschrieben hast. Und das ist es doch, was du auch politisch vorschlägst: Wir müssen Beziehungen herstellen in Zeiten der Konfrontation.

Ja, aber auch hier muss ich meiner professionellen Deformation als Philosoph nachgehen und die Dinge verkomplizieren. Ich ­hasse Trump, er ist ein Scheusal, er ist aber auch der ultimative Präsident, der Konflikte vermeidet. Er spielt sein Spiel, redet viel, sendet Drohungen aus, die Welt ist am Abgrund, der Finger ­irgendeines verrückten Typen schwebt wieder einmal über dem Schalter zur Atombombe …

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