Gespräch

Was macht das Theater, Wolfgang Schneider?

von und

Wolfgang Schneider, was machen die ­Theater falsch, dass sie erst lange nach der Bundesliga und den Biergärten in den Fokus der Politik gerückt sind?

Foto: Isa Lange
                                                                   Foto: Isa Lange

Ihre Frage müsste andersherum gestellt werden: Wie haben es DFL, Gastronomiebetriebe und dergleichen geschafft, zuerst bedient zu werden? Und da sind noch nicht die schlimmsten Finger benannt, die nach der Staatskohle schreien, wie Autolobby, Bauernverband, Luft­hansa … Kultur spielt in der Politik leider nach wie vor eine marginale Rolle. Ihre Förderung wird als freiwillige Aufgabe ­definiert. Im Grundgesetz fehlt noch immer der Artikel 20b: „Der Staat schützt und fördert die Kultur.“

Also anders gefragt: Warum wird das Theater von so wenigen vermisst?

Die Menschen, die ich beim Einkaufen treffe, beklagen die Absage des Kirchweihfestes und vermissen ihre lokalen Gesangvereine. Die Theateraffinen sollten wahrnehmen, dass nach wie vor mehr als die Hälfte der Bevölkerung nie in ­ihrem Leben ein Theater besucht. Daraus ergibt sich die kulturpolitische Notwendigkeit, dafür zu sorgen, dass das Theater wegen seiner Substanz, Relevanz und Brisanz nachgefragt wird.

Das bedeutet konkret? Was sollten die Thea­ter Ihrer Meinung nach kulturpolitisch tun?

Einerseits müssen sie derzeit alle um ihre Haushalte besorgt sein. Insbesondere die freien Künstler kämpfen um ihr existenzielles Überleben. Andererseits könnte die Krise auch dazu genutzt werden, die „Selbstverständigung in der Gesellschaft“, von der oft in Spielzeitheften zu lesen ist, tatsächlich zu leisten. Auch mit konzertierten Aktionen jenseits der Bühne. Derzeit gilt es ja, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, humanitäre Hilfe für Geflüchtete und den 8. Mai als Feiertag zur Förderung der Demokratie durchzusetzen.

In einigen Bundesländern dürften die Theater unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen jetzt theoretisch sofort öffnen. Einzelne Häuser sind diesem Signal der Politik schon mit eigenen Vorschlägen zuvorgekommen. Wer gestaltet hier eigentlich das Theater von morgen, und wie könnte es aussehen?

Ein Gestaltungswille ist erkennbar, und die Theatermachenden sind gefordert, sofort zu handeln. Die einen tun das altbacken, indem sie alles so haben wollen, wie es immer war. Manche alte Männer sehen sogar die Freiheit der Kunst bedroht und wollen, wie der Wiesbadener Intendant, dem Staat das Theater „zurückgeben“. Andere streamen sich durch den Tag und produzieren digital, was analog gedacht war. Aber Theater lebt nun einmal von der leibhaftigen Begegnung. Deshalb können Ergebnisse aus Arbeitsstipendien wie „Inter-Aktion“ für die Soziokultur, „#takecare“ vom Fonds Darstellende Künste oder „Reload“ der Bundeskulturstiftung Impulse setzen, um kleinere Formate zu erproben, Theaterspaziergänge weiter zu entwickeln, internationale Kooperationen zu planen und andere Räume zu erschließen, nicht nur die virtuellen. Auch große Häuser wären in ihrer klassischen Architektur neu zu denken und zu überplanen.

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