Protagonisten

Die Eigen-Art mobilisieren

Alexander Langs Weg vom Schauspieler zum Regisseur – Eine biografische Skizze anlässlich der Verleihung des Konrad-Wolf-Preises in der Berliner Akademie der Künste

von

Verwundertes Erstaunen über sich und das eigene Sein in der Welt im jähen Gewahrwerden, dass die Welt eine andere als die vorgedachte und ausgedachte ist: Das ist wohl ein Grundgestus des jugendlichen Heldenspielers Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin Anfang der siebziger Jahre gewesen. Dass diese bittere Erkenntnis den Helden zum hemmungslosen Rasen gegen sich und die Welt brachte, begeisterte Zuschauer und Kritiker.

Foto: Alexej Paryla
                                                                                                        Foto: Alexej Paryla

Im Hause selbst fand er schnell Anerkennung und Fürsprache; erstaunlich für einen jungen Schauspieler, wenn er direkt vom Berliner Ensemble kam: „Er hat intuitives Gespür für Kostüme, er weiß viel von der Erzählfähigkeit von Haltungen und Gesichtern. Er weiß oder ahnt ebensoviel von dem Wesens- und Umweltgeprägten der Stimme. Und wenn er sich in diesem Sinne alles gründlich und genau gemacht hat, kommt der romantische Ernst einer Begeisterung für das herrliche Wunder, sich auf dem Theater unentwegt verwandeln zu können, in beinahe übermütiger Aufhebung aller Selbststrenge noch dazu.“

Der Blick Ilse Galferts auf Lang in Theater der Zeit (Heft 9/1972) lässt schon eine Regiebegabung ahnen. Aber noch dominiert die Spielwut. Und Lang hat Kräftiges und viel zu spielen: Ferdinand, Caliban oder – an einem Abend – den Prinzen von Homburg und Ruprecht in dem berühmten Kleistdoppelprojekt Adolf Dresens. In „Die Insel“ – inszeniert von Klaus Erforth und Alexander Stillmark – gelang ihm und seinem Partner Christian Grashof eine schauspielerische Meisterleistung. Auf leerer Bühne, gefangen nicht von elenden, Gefängnismauern vortäuschenden Theaterkulissen, sondern gebannt von einem realen schmalen Kreidestrich auf der Bühne, spielen sie die Leidens- und Lebensgeschichten zweier gefangener Schwarzer, ganz aus sich selbst heraus, ohne jede falsche Einfühlung ins Fremde. Das Fremde, das Beklemmende, war ihre aktuelle Spielsituation, denn sie waren den Blicken der um sie herum sitzenden Zuschauer schutzlos preisgegeben. So wurden sie zu Gefangenen. Dieses Ausgeliefertsein war stärker – weil direkt sinnlich erfahrbar von den Darstellern – als jede naturalistische Nachahmung finsterer Gefängnisqualen. Kein Entkommen nirgends; hier half allein ein hochgespanntes und selbstverges­senes Spiel bis zum bitteren Ende. Lang wird es später seinen Schauspielern immer wieder abverlangen.

Dann, 1977, kam „Guevara“ mit einem artistischen Meisterstück. Die letzte Szene des Abends, die grundlegende Auseinandersetzung zwischen Castro und Guevara vor seinem Abschied aus Kuba, wurde von Lang im Alleingang gespielt: Er, Guevara, spielte auch die Figur Castro. Die Uraufführung fiel aus, verboten aus dunklen Gründen. Das DT zeigte den Probenstand 14 Tage vor dem geplanten, aber bereits gecancelten Termin in einer halboffiziellen Matinee mittels einer 35-Millimeter-Filmaufzeichnung.

Die nächste Arbeit mit den Regisseuren Erforth und Stillmark sollte Heiner Müllers „Philoktet“ werden. Doch hier endete die Zusammenarbeit. Lang entdeckte beim Probieren, dass dem Stück nicht, wie die Regisseure glaubten, mit dem eindeutigen Konzept einer linearen Sinn- und Bedeutungszuweisung beizukommen war. Ihm eine konkrete historische Bedeutsamkeit oder gar eine übergeschichtliche Moral abzuzwingen, war in seinen Augen ein Irrweg. So trennten sich unaufgeregt die Schauspieler und das Regieteam. An einem Haus wie dem Deutschen Theater stand der gestaltenden Kraft der Schauspieler auch der Platz am Regiepult offen, und die Tradition dieses Hauses favorisierte den inszenierenden Schauspieler allemal. Der Regisseur Lang erstand aus dem Ensemble der Spieler, aber nicht, weil er dort keine Resonanz fand, sondern, ganz im Gegenteil, weil er um die Not der anderen wusste.

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