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Wenn Objekte Auskunft geben

Das Internet der Dinge und seine Bedeutung für das Objekttheater

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Das Internet der Dinge scheint die Technologie der nahen Zukunft zu sein. Doch schon heute umgeben uns viele Alltagsgegenstände, die auf digitalem Wege miteinander kommunizieren. Die Theaterwissenschaftlerin und Netzaktivistin Tina Lorenz fragt, was hinter der Technik steckt und welche Möglichkeiten sich für die Kunst von morgen ergeben. 

Eines Tages legte sich Clara schlafen. Sie schlief ohne Träume und als sie aufwachte, konnte sie sich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Sie erschrak und suchte im Haus nach einem Spiegel. Spiegel waren damals aber noch besondere Schätze. Sie lief zu ihren Nachbarn, um nach einem Spiegel zu fragen, aber in diesem Moment explodierte nahe ihrem Haus eine Bombe, der Spiegel brach. Sie konnte nur ihr zerbrochenes Bild für eine Sekunde sehen. Grafik: David Szauder, davidszauder.de
Eines Tages legte sich Clara schlafen. Sie schlief ohne Träume und als sie aufwachte, konnte sie sich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Sie erschrak und suchte im Haus nach einem Spiegel. Spiegel waren damals aber noch besondere Schätze. Sie lief zu ihren Nachbarn, um nach einem Spiegel zu fragen, aber in diesem Moment explodierte nahe ihrem Haus eine Bombe, der Spiegel brach. Sie konnte nur ihr zerbrochenes Bild für eine Sekunde sehen. Grafik: David Szauder, davidszauder.de

Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Objekte in der Hand, die früher nie geredet haben, weil Dinge ja in der Regel eher selten sprechen. Auf einmal fangen die Gegenstände an sich mitzuteilen. Sie stellen sich einander vor, erzählen sich gegenseitig, woher sie kommen, wo sie noch hingehen und dass ihr Onkel Ernst neulich in Sibirien war. Herzlich willkommen im Internet der Dinge, in dem Objekte aus der Welt der Atome eine Identität in der Welt der Bits bekommen und über verschiedene Möglichkeiten der Vernetzung miteinander, mit der Welt und mit uns kommunizieren.

KOMMUNIZIERENDE DINGE

Um Objekten zunächst überhaupt zur Kommunikation zu verhelfen, muss man sie miteinander vernetzen, um ihnen so einen Weg zu geben, sich mitzuteilen und zu verarbeiten, was ihnen mitgeteilt wird. Das funktioniert entweder über eine Kabelverbindung, über RFID (Radio Frequency ID, also eine empfangs- oder sendefähige Antenne, die über Funk ausgelesen werden kann), über WLAN oder via Bluetooth, um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen. Man kann sogar das Stromnetz dazu verwenden, um Daten zu übermitteln: Viele „smarte“ Objekte, gerade im häuslichen Bereich (man denke an den „smart fridge“ oder eine internetbasierte Thermostatsteuerung), können Daten via PLC (power line communication) senden und empfangen. Hierbei ist die Interoperabilität, also, wenn man so will, die gemeinsame Sprache der Objekte, eine der großen Herausforderungen. Denn Objekte, die sich nicht verstehen, spielen nicht zusammen. Klar.

Das Internet der Dinge scheint die Technologie der nahen Zukunft zu sein. Doch schon heute umgeben uns viele Alltagsgegenstände, die auf digitalem Wege miteinander kommunizieren. Die Theaterwissenschaftlerin und Netzaktivistin Tina Lorenz fragt, was hinter der Technik steckt und welche Möglichkeiten sich für die Kunst von morgen ergeben.

Ubiquitous Computing, also die Idee, dass Objekte allumfänglich und durchdringend nicht mehr stumm, sondern durch das Internet oder andere Übertragungsmöglichkeiten beredt werden, ist vor allem in der Industrie eine wichtige Entwicklung. Es ist beispielsweise in der Logistikbranche mittlerweile undenkbar, nicht mehr zu wissen, wo genau auf welcher Strecke sich nicht nur eine Produktcharge, sondern spezifische individuelle Produkte gerade aufhalten. Durch dieses Echtzeitwissen können Produktionsprozesse deutlich effizienter gestaltet und Lagerstandorte aufgelöst werden: Der Beginn der „Just in Time“-Produktion wäre ohne das Wissen um die Echtzeitposition und Beschaffenheit von Objekten im realen Raum nicht möglich. Auch die Machine to Machine-Communication (m2m) funktioniert nach diesem Prinzip. Automatenauffüllung, Wartungsarbeiten werden nicht mehr regelmäßig durch menschliche Routinechecks erledigt, sondern das Gerät meldet sich beim Server und sagt, was es braucht. Dieser kann dann, je nach Bedürfnislage des Gerätes, entweder eine automatisierte Handlung vornehmen oder einen Menschen benachrichtigen, der dann zum Beispiel die Auffüllung vornimmt. Menschen sind in dieser Kommunikationskette schon längst nicht mehr Initiatoren des Kontaktes, sondern höchstens noch die Handlanger. Denken Sie beispielsweise an eine Ampel, die eine Grünphase einleitet, wenn ihr die ankommenden Autos sagen, es wäre gerade Stoßzeit und man bräuchte jetzt dringend eine grüne Welle. Damit stünde das selbstfahrende Auto, über das im Moment viel spekuliert wird, erst am Anfang einer Kette von Automatisierungen und Objekt-zur-Objekt Kommunikation im Straßenverkehr, und das ist nur einer von vielen Bereichen des täglichen Lebens, der sich in Zukunft durch die Weiterentwicklung vernetzter Objekte maßgeblich verändern wird.

SCIENCE-FICTION

Welche Implikationen das für die Kunst haben könnte, haben Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf von der !Mediengruppe Bitnik um die Jahreswende ausgelotet: Für eine Ausstellung in der Kunsthalle St. Gallen programmierten sie eine Software, die Zufallskäufe im sogenannten Darknet tätigt, also dem Teil des Internets, das aus willentlich hergestellten direkten Verbindungen der Teilnehmenden (peer-to-peer) besteht. Mit wöchentlich 100 Dollar in der virtuellen Währung Bitcoin ausgestattet, durfte der Bot auf einem dieser Darknet-Marktplätze shoppen gehen. Während er zunächst gefälschte Markenprodukte kaufte, kamen irgendwann auch Drogen und abfotografierte Pässe in der Kunsthalle an - das Verhalten automatisierter Kommunikation in der Welt der Bits hatte also direkte Auswirkungen auf die Welt der Atome. Das wiederum warf die Frage auf, wer eigentlich für das Einkaufsverhalten und die maschinelle Kommunikation eines auf Zufall programmierten Bots verantwortlich gemacht werden könne, die Software oder die programmierenden Künstler? Rechtlich gesehen ist die Frage klar: Die Künstlerinnen und Künstler sind verantwortlich für alles, was ihre Software tut. Je autonomer und lernfähiger allerdings die Maschinen auf uns Menschen wirken, desto mehr verschwimmt auch die Klarheit der Rechtslage.

Spätestens hier wird die Debatte zu Science-Fiction. Denn während die Objekte im Internet der Dinge keine eigene Intelligenz besitzen (müssen), um zu kommunizieren, und die einprogrammierten Zufälle oder Kausalketten nur scheinbar wie intelligentes Handeln aussehen, ist der Sprung zu vernetzt handelnden und eigenständig denkenden Maschinen mit künstlicher Intelligenz zu- mindest denkbar: Schon in den 1990er Jahren gab es in der Fernsehserie „Star Trek: The Next Generation“ eine Folge, in der die Figur Data, ein Androide - also eine menschenähnlich gebaute Maschine - beweisen musste, ob er ein Individuum sei, das über seine Programmierung und seine Schaltkreise hinauswachsen könne und damit auch das Recht besäße, über sich selber zu entschei- den. Die hier wie auch in vielen anderen Science Fiction-Stoffen aufgegriffene Frage, welches Potential zur Eigenständigkeit und welchen Grad der Unabhängigkeit vom Menschen Maschinen besitzen, wird bei Star Trek zugunsten der Maschine entschieden. Dem Darknetshopper der !Mediengruppe Bitnik wird wohl, trotz seiner illegalen Tätigkeiten, nicht der Prozess gemacht werden. Die programmierenden Künstlerinnen und Künstler sind – wir wollen es hoffen – von der Kunstfreiheit geschützt. Die Hilflosigkeit der Strafverfolgungsbehörden im Umgang mit diesem Kunstprojekt zeigt allerdings, dass wir uns schon längst in der Zukunft befinden.

DAS ZURÜCKTRETEN DES MENSCHEN

Wenn man von hier noch einmal einen Schritt in die heutige Realität zurückgeht, bietet sich sowohl in narrativen als auch in perfor- mativen Zusammenhängen eine Fülle von Einsatzmöglichkeiten für vernetzte und miteinander kommunizierende Objekte an, denen eines gemeinsam ist: Der Mensch als unmittelbarer Manipulator kann als Erzähler der Geschichte, als Initiator von Kontakten und als Mittler zwischen Objekten in den Hintergrund treten. Damit kann eine Art von Theater beginnen, die sowohl die Futuristen als auch Theatertheoretiker wie beispielsweise Edward Gordon Craig bereits um die vorletzte Jahrtausendwende herbeigesehnt haben. Der Mensch, der für Craig nicht selbst Material der Kunst sein darf, weil sein Körper und sein Geist nicht auf reproduzierbare Ergebnisse ausgerichtet ist, weicht Objekten, deren Exaktheit und beständige Ewigkeit das Merkmal der Kunst ist: die Übermarionette als Software, als vernetztes Objekt im Raum. Der Unterschied zu dem einfachen mechanischen Spielzeug des Schaubuden-Automaten- theaters wird hier ebenfalls deutlich: Während die Zahnräder des Automatentheaters nur zwei Zustände kennen, nämlich „drehen“ und „halten“, sind vernetzte Objekte in der Lage, je nach Programmierung eine gewisse Zufälligkeit, ein Potential des Dazulernens, des augenscheinlich eigenständigen Agierens auszuleben. Jede Interaktion zwischen Objekten wird so zu einer einzigartigen Begegnung - exakt wie eine Maschine und doch individuell kommunizierend und handelnd, als wäre sie autonom. Vernetzte Objekte, die ihre eigene Geschichte erzählen, könnten sich so einen Platz auf den Bühnen erobern, der jetzt noch dem Menschen vorbehalten ist. Ein spannendes Gedankenspiel, oder?

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