Schwerpunkt

Über die revolutionären Kräfte des Theaters mit Kindern

Kampnagel Hamburg stellt Bühnenstücke mit Kindern für erwachsenes Publikum vor

von

Voyeuristischer Blick auf kleine, exotische Gemeinschaft

Die Hamburger Choreografin und Dramaturgin Barbara Schmidt-Rohr arbeitet als Mitbegründerin der Tanzinitiative Hamburg seit vielen Jahren generationenübergreifend mit Laien. „The Bee Treasure“ war das erste Projekt, für das sie 2014 eine Gruppe von Kindern als Performer castete, die ein erwachsenes Publikum in Form eines Blind-Walks über das Kampnagel-Gelände führten. Für Barbara Schmidt-Rohr werden Kinder als Darsteller zwangsläufig zu Projektionsflächen des Publikums. Bei ihrer Arbeit geht es ihr darum, den erwachsenen Blick auf die Kinder von diesen permanent spiegeln zu lassen; das Voyeuristische, das in ihm liegt, wird offenbar und damit durchbrochen. Mit „Eyes Wide Open“ haben Schmidt- Rohr und ihr junges Ensemble ein Bühnenstück entwickelt, das wie schon die erste gemeinsame Arbeit interaktiven Charakter hat: Das Publikum betritt einen düsteren, minimalistisch eingerichteten, weitläufigen Bühnenraum, in dem einige wenige Naturmaterialien angeordnet sind: niedrige Holzhütten, Steinhaufen, Äste, schwach von bläulichem Neonlicht beleuchtet. Das Publikum bewegt sich dort mehr oder weniger frei, wenn nötig wortlos navigiert von elf Kindern zwischen 10 und 12 Jahren, die den Ort offensichtlich behausen. Als kleine, exotische Gemeinschaft öffnen sie ihre Welt den erwachsenen Besuchern, teilen Zeit und Raum mit ihnen und lassen sie beobachten, bleiben aber unmissverständlich unter sich. Sie sprechen eine unverständliche Sprache und haben kryptische Rituale. Irgendwann reichen sie den Zuschauern Tablet-Computer, auf denen ein Film abläuft, collagiert aus Versatzstücken der digitalen Welt, der Assoziationen dazu erlaubt, was mit der uns bekannten Gegenwart geschehen ist.

Im gemeinsamen Arbeitsprozess sind die Rollen klar verteilt; Barbara Schmidt-Rohr arbeitet mit den Kindern genauso wie sonst mit erwachsenen Laien: nicht kollektiv. Die Entscheidungen werden vom künstlerischen Team, also von Erwachsenen getroffen; die jungen Performer bekommen Anweisungen, was ihre Haltung, die Szenenfolge und die Abläufe betrifft. Der inhaltliche Rahmen ist vorgegeben, innerhalb dieses Rahmens werden Ideen mit den Kindern gemeinsam entwickelt, basierend auf Texten und Zeichnungen der Kinder entstehen Kostüme und Figuren. Die digitale Welt, die dem Zuschauer als Film auf dem Tablet-Computer gezeigt wird, speist sich aus dem Know-How der Kinder. Explizit geht es nicht darum, den Kindern schauspielerische Fähigkeiten anzutrainieren, die an die von erwachsenen Profis nie heranreichen würden. Trainiert wird in den Proben vor allem eine Haltung, mit der die Kinder in der interaktiven Situation auch spontan agieren und reagieren können, die ihnen auf der Bühne als Schutz dient und Souveränität gewährleistet. Diese Haltung macht sich die kindliche Körperlichkeit zunutze. Eine teilweise verstörende Unverwandtheit, bestimmend und gleichzeitig sanft, lässt die Kinder wie Exemplare einer fremden Spezies erscheinen: klein, androgyn und nicht greifbar. Ihre Haltung verleiht den Kindern Autorität und Würde, ja geradezu eine Aura, die ihr Gegenüber verunsichert und durch die das Hierarchieverhältnis zu den erwachsenen Zuschauern umgekehrt bzw. aufgelöst wird.

Performancetheater im altersgemischten Kollektiv

Das altersgemischte Ensemble SKART/Masters of the Universe mit Mitgliedern zwischen neun und 33 Jahren arbeitet in leicht veränderter Konstellation seit drei Jahren als Kollektiv zusammen. Mit „Exodus“ zeigt die Gruppe den Abschluss einer Trilogie. Gegründet mit dem Vorsatz „anspruchsvolle Performancekunst für ein generationenübergreifendes Publikum“ zu machen, stehen hier mehrere Ziele im Vordergrund: Performancetheater, das dem professionellen Anspruch erwachsener Zuschauer gerecht wird, das sich aber auch an junges Publikum richtet, sowie ein alternatives Modell (kultureller) Bildung, das sich an dem Prinzip freier Schulen orientiert. Die meisten der beteiligten Kinder besuchen die basisdemokratisch organisierte Neue Schule in Hamburg und sind selbstorganisiertes Arbeiten gewohnt, die Theaterarbeit mit Philipp Karau und Mark Schröppel alias SKART ist Teil des Unterrichts. Die Struktur der Schule erlaubt es, mit den Kindern acht Wochen lang täglich von 10 bis 16 Uhr zu proben – die Performances entstehen also unter professionellen Bedingungen. Über die drei Jahre der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Gastspielen, Publikumsgesprächen und Presseauftritten hat sich eine Teamstruktur mit Aufgabenverteilung ergeben, eine Routine in der Stückentwicklung sowie eine bemerkenswerte eigene Ästhetik. Bei der Zusammenarbeit geht es darum, einerseits den Erfahrungsvorsprung und das Wissen der erwachsenen Künstler zu nutzen, andererseits die Ideen und die performative Kraft der Kinder fruchtbar zu machen; jeder ist auf seine Weise Experte. Die erwachsenen Künstler haben ein Veto-Recht und fungieren als Moderatoren und Leiter des Prozesses, die künstlerische Handschrift von SKART hat den Stil der altersgemischten Gruppe sichtbar geprägt. Dennoch sind alle gleichberechtigter Teil der Gruppe, jede Entscheidung ist für jeden nachvollziehbar, die Wünsche und Einwände jedes Einzelnen werden ernst genommen. Jeder Beteiligte steht vollständig hinter jeder Szene, die auf der Bühne zu sehen ist – das macht sich auch in den Publikumsgesprächen bemerkbar, bei denen selbstverständlich alle mitreden.

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