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Über die revolutionären Kräfte des Theaters mit Kindern

Kampnagel Hamburg stellt Bühnenstücke mit Kindern für erwachsenes Publikum vor

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„Exodus“ ist ein finsteres Stück. Nachdem es in den vorigen Performances um Glücksversprechen einer materiellen Welt gegangen war und um die Qual des Überflusses, so ist man jetzt am Point of No Return: Die Welt des Zuviel ist implodiert, die letzten Überlebenden bewegen sich in einer Art Vakuum, distanzieren sich vom Publikum und beschäftigen sich mit Gedanken an Tod und Depression. Zu düster und traurig für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren, finden einige Erwachsene im Publikum, die oftmals nicht wahrhaben möchten, dass die Texte von den Kindern gemeinsam assoziativ entwickelt wurden. Die typischen Debatten, die die Arbeit des Masters of the Universe-Kollektivs von Zuschauerseite begleiten, handeln von verklärten Bildern, die die Erwachsenen von Kindheit im Kopf haben (möchten), von Unterstellungen und Bevormundungen. Auf der Künstlerseite wird immer wieder an einem Kultur - system gearbeitet, das nicht nach einem hegemonialen Prinzip einen Kanon oktroyiert, sondern das in einem Prozess, der alle Akteure gleichberechtigt beteiligt, immer wieder neu geformt und verhandelt wird – ein Vorgang, der im Kleinen auch Utopie ist für die Entwicklung einer Transkultur für die heterogene Gesellschaft der Zukunft.

Die inhaltliche Setzung beider Produktionen, eine Gruppe von Kindern als Akteure einer zukünftigen Gemeinschaft auftreten zu lassen, scheint symptomatisch zu sein für eine Gegenwart, in der die Erwachsenen sich ratlos vor den gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, orientierungslos vor den Trümmern einer Gemeinschaft, die nur noch Illusion scheint. Es bleibt, der jungen Generation – den Kindern, die in diese Gesellschaft hineinwachsen – das Projekt Menschheit zu überantworten und selbst zurückzutreten. Beide Künstlergruppen arbeiten auch über die inhaltliche Setzung hinaus an der Aufhebung bzw. Umkehrung der Hierarchien zwischen Jung und Alt, sei es formal in der Inszenierung des Aufeinandertreffens von erwachsenem Publikums mit den jungen Performern bei Barbara Schmidt-Rohrs „Eyes wide open“ oder strukturell in der kollektiven Arbeitsweise der Masters of the Universe. Es gibt – so heißt es bei Walter Benjamin – „keinen möglichen Standort für überlegenes Publikum“3. Jeweils auf eigene Weise entsteht hier der Raum für etwas, das man mit Benjamin „das geheime Signal des Kommenden, das aus der kindlichen Geste spricht“4 nennen könnte: revolutionäres Potential.

1 Neben den genannten in Hamburg entstandenen Produktionen gehörte zu dem GenerationISM-Schwerpunkt auch das Gastspiel „Next Day“ des französischen Regisseurs Philippe Quesne/CAMPO, eine Arbeit, die ebenfalls eine Gruppe von Kindern als eine auf sich allein gestellte, sich selbst organisierende Gemeinschaft inszeniert. Als Auszubildende in einer Superhero-Academy kommt ihnen die Aufgabe zu, die Welt vor den Bedrohungen der Zukunft zu retten. Die vierte Arbeit des Themenschwerpunkts war ein Gastspiel des französischen Choreografen Mickaël Phelippeau, „Avec Anastasia“. Alle vier Arbeiten sind (auch) für ein erwachsenes Publikum konzipiert.
2 Die erste Arbeit der Reihe war bereits 2001 Josse De Pauws „üBUNG“. Es folgte Tim Etchells „That Night Follows Day“ (2007), Gob Squads „Before Your Very Eyes“ (2011), Philippe Quesnes „Next Day“ (2014) und Milo Raus „Five Easy Pieces“.
3 Benjamin, Walter: „Programm eines proletarischen Kindertheaters“, in: Ders.: Über Kinder, Jugend und Erziehung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970, S. 82
4 ebd., S. 86.

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