Neuer Realismus

Negativer Realismus

von

2. Handlung vs. Zusammenhang

Ja, es ist vermutlich wirklich besser, dass ich zu meinem Statement nicht gekommen bin, wo ich doch immer an anderen Textarchitekturen und Strukturprinzipien gearbeitet habe als an denen, die man als Geschichten beschreiben würde. Doch die massive Präsenz der Erzählprinzipien Google-Masterstory, Castingshow und Spielanordnung an den deutschen Spielstätten, die es mit dem Gegenwartstheater ernst nehmen und die sich auch in den Inszenierungsideen des einen oder anderen Stücks von mir niedergeschlagen haben, macht mich etwas misstrauisch. Es sind harmlose Erzählprinzipien, sie behaupten eine gewisse Beliebigkeit, sie eröffnen eine Szene, die meist zu Recht in Bernd Stegemanns „Kritik des Theaters“ der Wellnessparade neoliberaler Selbstwahrnehmung zugeordnet wurde. In dessen „Lob des Realismus“ stoße ich auch auf die in der Theaterwissenschaft gängigen Ausführungen zum Handlungsbegriff. Handlungen finden zwischen Menschen statt, in Abgrenzung zu Tätigkeiten. Theater entstehe aus den Konfliktlagen dieser Handlungen. Doch wissen wir, was Menschen heute sind? In Wirklichkeit sind wir doch viel mehr damit beschäftigt, die nervösen Märkte zu beruhigen, um die wir uns kümmern wie um kranke Kinder, wissen viel mehr von der Hysterie, die durch Rohstoffmärkte wandert, zu erzählen als über reale Menschen, an denen doch die Geschichten angeblich dranhängen. Wir wissen sehr wohl, protestieren Sie, was Menschen sind, wir sind Bürger, wir sind Mittelschicht, da weiß man so was. Wir gehen ins Theater, um Menschen zu sehen, zumindest etwas möglichst nah an ihnen, authentisch, sagen Sie und lassen sich nicht von dem Pollesch-Lachsack stören, der sein „Glotzt nicht so authentisch!“ etwas mechanisch scheppernd von sich gibt. Aber vielleicht sind Sie ja kein Bürger, sondern wissen bereits, zumindest fürs Theater, dass es so was wie Menschen nicht gibt. Sie haben Ihren Pollesch und Ihre Jelinek intus, sie haben allerdings auch Rimini Protokoll mitgemacht und finden, dass auch bei Rimini Protokoll die menschliche Behauptung durch die technische, situative, konstellative Anordnung aufs Schärfste durchkreuzt wird. Wie ich selbst bringen Sie das alles nicht auf den einen Nenner, den Stegemann im „Lob des Realismus“ behauptet: „Realität ist jetzt (im postmodernen Denken; Anm. KR), was keine Zusammenhänge mehr herzustellen erlaubt, realistisch ist nur, was den anarchischen Kampf von Eigentümern und ihren Interessen im Wettbewerb des Marktes beschreibt.“ Und: „Entscheidungen trifft der Markt und nicht die Menschen.“ Dass es darum geht, Zusammenhänge zu erzählen, wird Stegemann auch in diesem Buch anhand der langen ästhetischen Debatte zum Realismus des 20. Jahrhunderts nicht müde zu zeigen. Wie das aber umsetzen? Es ist leicht, über zahlreiche Inszenierungen des Postdramatischen herzuziehen, die sich in selbstreferenziellen oder authentischen Spielen verlaufen, die keinen Konflikt zeigen, schwieriger wird es bei Inszenierungen wie „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll und dem „Kongo Tribunal“ von Milo Rau, die sehr wohl mit Vehemenz behaupten, an diesen Zusammenhängen interessiert zu sein und diese auch ästhetisch mehrdimensional umzusetzen. Natürlich sind es bei Rimini Protokolls „Situation Rooms“ die Mitspielanordnung, sozusagen die Diktatur des iPad, sowie der bühnenbildlich hergestellte Erlebnisraum der unterschiedlichen Szenarien des Waffenhandels, die den Zusammenhalt erst einmal stiften, und bei Milo Rau das Tribunal, der Schauprozess ohne direkte oder weitgehend direkte Präsenz der Angeklagten. Doch der Reiz beider Abende liegt auf sehr unterschiedliche Weise im Spiel mit den Wirklichkeitsebenen, die sich durchkreuzen, dem Umgang mit dem Stofflichen, dem Versuch einer Engführung auf eine Problematik – klar ist, beide Produktionen arbeiten an dem klassisch aufklärerischen Projekt der Sichtbarmachung, die Frage ist nur, welche Zusammenhänge hier behauptet und welche tatsächlich erzählt werden. Doch läuft der Realismus der beiden Inszenierungen wirklich nur auf die Einübung in die iPad-Technologie hinaus, wie Kritiker behaupten, bzw. die Einübung in Schauprozesse?

In dieser mehr schlecht als recht geführten Debatte zwischen dem neuen Realismus und der Postdramatik fühle ich mich zunehmend unwohl.

Mein Problem ist, dass mir der Ort des Theaters nicht mehr ganz klar ist, zu viele hybride Theaterformen sind da, denen man schlecht das vermeintlich klassische Schauspielertheater gegenüberstellen kann. Ich kann ja noch nicht einmal mehr zwischen Fiktion und Realem unterscheiden, wie es Wolfram Lotz noch in seinem Manifest für ein unmögliches Theater tun konnte, das durchdringt sich heute bzw. löst sich begrifflich auf in seiner jeweils konkreten Einspannung. Aber vielleicht gehen wir einen Schritt zurück.

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