Neuer Realismus

Negativer Realismus

von

3. Kein Text, kein Begriff, keine Dramatik

Milo Rau machte mich in einer Mail auf ein altes Godard-Statement aufmerksam: „Realismus meint nicht, dass etwas Reales dargestellt wird, sondern dass die Darstellung selbst real ist (ein Akt ist, eine Situation schafft).“ Das kann man zwar irgendwie in alle Künste übersetzen, aber beim Theater wird’s für die Dramatikerin, die diesem Statement als Schriftstellerin im Grunde seit Jahren gerecht wird, dann kompliziert.

Zunächst einmal ist die Ebene der Darstellung in der Literatur die Sprache. Nun ist Sprache aber etwas, das gewissermaßen tendenziell verschwindet. Nicht nur aus der Theaterwissenschaft, dem Theater oder gar, wie wir kürzlich an der Universität Bonn festgestellt haben, aus der Literaturwissenschaft. Avancierter Realismus brauche heute keinen Text mehr, wird uns en passant klargemacht, performte Alltagssprache genüge. Man kann sich jetzt fragen, was es ist, auf das mehr und mehr verzichtet wird. Das könnte bei der Feststellung beginnen, dass sprachliche Kommunikation (trotz und selbst in medialen Interfaces) immer noch das wichtigste Mittel der Klärung von Konflikten, von Interessenlagen ist und es selten gelingt, diese Vorgänge in alltagssprachliche Performances, die viel mehr durch ihre Bildlichkeit, die Authentizität und ihren installativen Charakter bestechen denn durch Spracharbeit, fürs Theater zu übersetzen. Man würde darauf verzichten zu zeigen, wie Konfliktlagen bewältigt werden können. Man könnte über diese neue Dienstleistungsfunktion der literarischen Sprache nachdenken und dieses Setzen auf die oben beschriebene Bildlichkeit und spekulieren, dass sie Ausdruck eines grundlegenden Misstrauens gegenüber Sprache bedeutet bzw. Theater als Erholung von den Zumutungen der als fehllaufend erlebten Kommunikation, den Zumutungen einer PR-Gesellschaft, der Repräsentationskrise des politischen Systems gesehen wird. Viel lieber ist es mir, darüber nachzudenken, dass literarische Sprache ja auch ein Speicher und gleichzeitig ein Medium der zeitlichen Überlagerungen ist, die unsere Gegenwart ausmachen – sie ist die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Zusammenhänge in ihrer historischen Einbettung zu etablieren. Sie geht immer auch ins Futur und in die Vergangenheit, macht die zeitliche Einspannung unserer Gegenwart (im Gegensatz zum so geliebten Präsensstil des Performativen) erst spürbar. Diese Präsensbehauptung zu umgehen, die uns von den Märkten diktiert wird, darum muss es doch gehen, und zwar stets in Bezug auf die Öffnung von Handlungsräumen. Das könnte ich alles einbringen und mich schnell in eine frustrierte, abwehrende Position bewegen, aber im Grunde weiß ich nicht, was heute eine Dramatikerin sein kann. Was Schreiben fürs Theater heißt. Meine Erfahrung ist, dass es vieles erleichtert, wenn man Abstand von diesem Begriff nimmt.

Genauso habe ich in meinem Schreiben im Grunde immer nur ansatzweise Ahnung davon, was Realismus ist, kenne vielmehr jede Menge realistische Praktiken, würde zunächst sagen, dass Realismus in der Sprache beginnt, bei den Kommunikationsabläufen, die unsere Welt bestimmen, nach wie vor. Realismus beginnt gleichfalls in den Konstellationen, den Situationen, die man herstellt. Realismus beginnt in den Problemstellungen, den Abstraktionen, den Theoremen, die hinter unseren Vorstellungen von dem, was wir Wirklichkeit nennen, stehen. Realismus beginnt eigentlich immer, und das von allen Seiten, er ist eine permanente Aufforderung, und er ist gleichzeitig als Begriff wahrlich immer schon verbraucht, weil er dieses kurze 20. Jahrhundert wie eine schwere Bürde trägt. Für einen Moment dachte ich, man könne ihn fruchtbar machen, wie Bernd Stegemann das versucht. Will man aber mit Begriffen wie Neorealismus, Postrealismus hantieren, erscheint mir das nur als ein hilfloser Versuch, dieses Begehren nach einer pointierten Auseinandersetzung mit realen Verhältnissen zu bezeichnen. Und so konnte ich hier weniger das eine Statement zum Realismus liefern, als ein Bündel von Problemfeldern präsentieren, und vielleicht macht mich das schon zu einem Kind der so ambivalenten Postdramatik, das ich tatsächlich bin, aber ohne die Absicht zu haben, früh in ihr zu vergreisen.

Aber vielleicht ist es gerade dieses Bündel von Problemfeldern, aus dem heraus sich etwas entwickeln lässt. Denn das Problematische des heutigen Realismus stofflich zu reflektieren, ist schon ein Teil seiner Lösung – es steht ja nicht nur für ein rein ästhetisches Problem (was auch immer das sein könnte), sondern ist auch stets ein politisches, gesellschaftliches.

Letztendlich gilt es nach wie vor, zwingende Texte zu schreiben, Texte, die ihre Unbedingtheit in sich tragen, die so und nicht anders geschrieben werden konnten. Dieses moderne Rezept lässt sich heute immer noch anwenden. Nur wie kann dieses Zwingende beschrieben werden? Man sagt, es ergibt sich aus einem Zusammenhang vom Formalen mit dem Stofflichen, das Stoffliche ergibt sich möglicherweise aus den vielen Fragestellungen, Kontexten, die es umgeben, und diese wiederum speisen sich aus meiner Bewegung durch und Reflexionsfähigkeit über die Gesellschaft, das heißt aus meinen Widersprüchen. Schriftsteller oder Schriftstellerin sein heißt immer noch, sich selbst auf produktive (das heißt auf eine nicht beliebige, sondern die gesellschaftlichen Zwänge unterlaufende, also widerständige) Weise zu widersprechen – so pathetisch das klingt, es hat auch jede Menge mit Realismus zu tun. //

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Das Kolloquium von Äschnapur

München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann