- Anzeige -

Protagonisten

An vorderster Stelle der Avantgarde oder Der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit

von und

Wenn ich richtig zähle, folgten auf „Das Werk“ Inszenierungen von sieben weiteren Jelinek-Texten, die letzte erst dieses Jahr in München. Was beeindruckt Sie so nachhaltig an den Texten, welche Erfahrungen konnten Sie in der Arbeit mit den Texten machen?
Ich glaube, es sind sogar noch mehr: „Das Werk“, „Babel“, „Ulrike Maria Stuart“, „Über Tiere“, „Die Kontrakte des Kaufmanns“, „Abraumhalde (zu Nathan)“, „Rein Gold“, „Die Schutzbefohlenen“, „Wut“ – und jetzt probe ich in Lausanne an einer französischen Version von „Nathan/Abraumhalde“ mit einem Zusatztext zum Bataclan-Attentat. Das wäre dann also die zehnte Arbeit. Und für nächstes Jahr erarbeite ich gerade eine Oper für die Opéra Comique in Paris aus dem Text „Kein Licht“, zusammen mit dem Komponisten Philippe Manoury, das wäre dann Nummer elf. Das hätte ich auch nicht gedacht. Ich habe momentan eigentlich gar keine Lust, etwas anderes zu machen.
Ich habe den Eindruck, dass ich als Regisseur bei diesen Texten auf eine sehr besondere Art gefordert bin. Ich komme darüber sehr zu mir, zu einer ganz genuinen Form des Theaters, die sehr unmittelbar ist, sehr gegenwärtig und relevant. Das hängt mit Verschiedenem zusammen: Elfriede betont immer wieder, dass der Regisseur (oder auch das Theater, der gesamte Probenprozess) so etwas ist wie der zweite Autor. Und hier habe ich den Eindruck, dass ich mit dem, was ich kann und was ich mag, wirklich etwas beitragen kann. Mit Musik, mit Improvisationen, mit Reflexion, mit Einspruch und Zuspruch, mit Ironie und Pathos, mit Collage.
Jelinek schreibt mit Buchstaben auf Papier, und ich schreibe mit Licht, Raum, Körpern – und Zeit. Ein solcher theatralischer Prozess tut den Texten sehr gut, und die Texte tun diesem Prozess sehr gut. Man reibt sich aneinander, man bereichert, befragt, ermutigt sich gegenseitig, man streitet sich – es ist wie in einer Beziehung. Das ist gleichermaßen eine große Bewusstheit, die da entsteht, und eine große Freiheit.
Bei herkömmlichen Theatertexten, die an eine Handlung oder an Figuren gebunden sind, ist diese Freiheit naturgegeben eingeschränkter. Bei Jelinek-Stücken muss ich mich nur fragen: Was will der Text, was will die Sprache? Bei anderen Theaterstücken geht es immer auch darum: Was will die Handlung, was wollen die Figuren? Die Dramaturgie einer Jelinek-Inszenierung ist in gewisser Weise viel konkreter. Man versteckt sich nicht hinter Psychologie oder Handlung. Es gibt die Sprache, und es gibt das Geschehen auf der Bühne. Das ist geradezu puristisch. Und erlaubt beiden, der Sprache und dem Bühnengeschehen, zu Hochform aufzulaufen. Beide sind entfesselt, aber miteinander verbunden.
Ich komme ja von einem Theater, das mit Texten arbeitet – auch wenn ich diesen Theaterbegriff immer mehr ausgeweitet habe. Anders als viele jüngere Kollegen, die auf den ersten Blick vielleicht eine ähnliche Ästhetik verfolgen wie ich, arbeite ich sehr genau mit den Texten. Ich merke beim Proben sofort, wenn ich etwas gegen den Text mache, und das ist in der Regel nicht gut. Wenn man den Text in der Arbeit verliert, dann ist er nur noch Ballast, dann kann man ihn auch gleich wegwerfen. Das ist wie beim Segeln: Es geht nicht gegen den Wind. Aber man muss dem Wind den Widerstand des Segels entgegenbringen, erst dann geht es voran. Und so kann man bei einer Jelinek-Inszenierung, zumindest bei meinen, ganz konkret diesen Tanz zwischen Sprache und Inszenierung sehen und beide Spuren immer sehr genau verfolgen.

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Umzug als Chance

Überlegungen zur neuen Präsentation der Puppentheatersammlung Dresden

Im Bann der eigenen Geschichte

Zum 60. Geburtstag von Theater der Zeit 2006 warf Chefredakteur i.R. Martin Linzer einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Abriss über die Geschichte des Magazins.

24/7-Theater

Der Berliner Puppenspiel-Absolvent Fabian Raith kreiert Augmented-Reality-Spiele

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker