Stück

Im Strudel der Verweise

Fritz Kater über sein neuestes Stück „heiner 1– 4 (engel fliegend, abgelauscht)“ im Gespräch mit Thomas Irmer

von und

Ein direkt biografisches Stück ist es nicht, kein Biopic, wie man es etwa aus dem Kino kennt. Eher eine Umkreisung, viel bekanntes Material, das sich zu einem Fragmentbild gruppiert.
Mein Problem war: Wie kann ich eine ehemals so berühmte Person der Öffentlichkeit in einen Theatertext bannen? Also sie vorstellen und zugleich darin anders zeigen? Da war relativ früh klar, dass das nur über ganz verschiedene Perspektiven geht. Beim ersten Teil, „heiner 1– 4“, ist der Trick gewesen, das Fotobuch „Der Tod ist ein Irrtum“ von Brigitte Maria Mayer, seiner Frau, von einem Paar beschreiben zu lassen, das seiner Lebenssituation ähnelt. Ein Paar, älterer Mann, junge Frau, das sich diese Bilder anschaut, sie beschreibt. Was für mich mit seinem Theatertext „Bildbeschreibung“ korrespondiert: die Beschreibung eines Bildes, das wiederum ein Paar beschreibt. Das ist die private Seite. Die intellektuelle Seite folgt im zweiten Teil, einer Montage aus den neunhundert Seiten seiner gesammelten Interviews auf 14 Seiten. Das ist vergleichbar mit dem, was ich schon öfter mit Romanen gemacht habe, etwas Episches, in diesem Fall Essayistisches so zu verdichten, dass etwas Dramatisches dabei herauskommt, hoffentlich. Sicher ist das der schwierigste Teil, weil er am nächsten am real Gesagten dran ist, eben am wenigsten Kunst ist. Andererseits war es für mich wichtig, die unglaubliche Wachheit dieses Mannes, selbst unter den härtesten biografischen Bedingungen, nachzuzeichnen, als eine Figur, die mich immer mehr an eine seiner eigenen Lieblingsfiguren erinnert hat, den Herakles, der die ganze Drecksarbeit machen muss und niemals zur Ruhe kommt.
Der dritte Teil, eine Theaterkomödie, zeigt den Versuch, Müllers letztes, dann doch noch entstandenes Stück „Germania 3“ im Berliner Ensemble aufzuführen. Das gelingt nicht in meinem Stück, weil der Meister-Müller nicht mehr mitmacht, irgendwie abgehauen ist oder eben einfach krank, das weiß man nicht so genau. Aber dafür gibt es einen improvisierten Try-out, mit vielen heute noch bekannten Menschen, damit die Maschine halt irgendwie weiterläuft. Und das ist dann auch teilweise ganz komisch, wenn man so sieht, wie dieser Scheißapparat einfach weiterlaufen muss, egal wie, weil alle dranhängen, Spieler, Techniker, Offizielle, Presse. Alle eben. Wobei die Hauptfigur, der Verwaltungsdirektor, ja ganz klar meinem Freund und heutigen Volksbühnen-Chef Klaus Dörr nachempfunden ist.
Und der vierte Teil, für mich der wichtigste, ist einfach ein Monolog oder ein Fließtext, der den letzten Tag von Heiner Müller fiktiv beschreibt. Ein Gang durch die Stadt Berlin, ein Gang in die Freiheit des Todes, wie Müller sagen würde „ohne Hoffnung und Verzweiflung“, die Augenlider abgerissen, ganz der Sonne der rasenden Wirklichkeit zugetan und ausgesetzt zugleich.

Dieser letzte Teil geht am freiesten mit dem Material um und ruft auch einiges von Müllers weniger bekannten literarischen Kraftquellen auf. Bekanntlich ging er nicht durch Berlin, sondern ist im Krankenhaus gestorben.
Das ist bei mir, wie auch in anderen Texten, der Versuch, mit Strudeln zu arbeiten. Mit einem Verweis, der auf anderes verweist, auf andere Texte, Leben, Situationen und natürlich immer auch auf Gegenwart. Oder besser gesagt, was ich dafür halte, oder noch besser, was sich davon für mich erschließt.

Wer ist Heiner Müller für Sie heute?
Für mich war das früher eine Mischung aus Idol und Rätsel. Heute würde man sagen: Kultfigur. Aber ein Klassiker ist er nicht geworden. Was klassisch ist, das wird gespielt. Was klassischer Kanon ist, wird im Theater gemacht. Aber Müller wird nicht gemacht. Oder jedenfalls selten.

Als Regisseur und Intendant Armin Petras hätten Sie es mit in der Hand gehabt, Müller auf die Bühnen zu bringen.
Na ja, immerhin hab’ ich ja „Medeamaterial“ und „Hamletmaschine“ gemacht, auch wenn das schon keiner mehr weiß. Ich hab’ dann mehrfach, an verschiedenen Orten versucht, Müller zu inszenieren. Und mir wurde es mehrfach abschlägig beschieden, will nicht sagen: untersagt. Aber es wurde deutlich darauf hingewiesen, dass es keine große Erfolgsquote haben würde. Ich habe selbst an einem großen Stadttheater vorgeschlagen, „Die Umsiedlerin“ zu inszenieren. Da wurde mir mitgeteilt, dass das keinen mehr interessiert, und da hab’ ich es gelassen. Unter Protest. Schon aus Tradition, immer alles sein zu lassen, was denen nicht gefällt, aber unter Protest (lacht).

Woran liegt’s?
Ich würde sagen, die Zuschauer verweigern sich. Weil sie es teilweise nicht mehr hören oder sehen wollen. Weil sie’s nicht kennen oder weil es zu kompliziert ist. Es gibt auch eine Gegenbewegung, beispielsweise die erfolgreiche „Zement“-Inszenierung von Dimiter Gotscheff am Residenztheater München oder die Arbeiten von Sebastian Baumgarten mit Müller-Stücken. Und es gibt auch viele junge Leute, die sich dafür interessieren. Ich glaube, da ist ein großer Widerspruch. Ich kenne junge Leute von Schauspielschulen, die Müller gerne machen würden, aber es gibt in den Theatern eine große, von Kulturmanagern betreute Besucher-Mittelschicht, die das gar nicht interessiert. Wenn das hier wirklich jemand lesen sollte, der einen engagieren kann: Ich würde sofort den „Bau“ machen, schon weil’s der unerfolgreichste Titel ist und ich den zweiten Teil von Castorf in Karl-Marx-Stadt nicht sehen konnte, weil später kein Zug mehr zurück nach Berlin fuhr.

Ist das Stück letztlich eine Totenbeschwörung?
Müller hat gesagt, er macht Theater für die Toten und weil Theater dafür da ist, die Toten zurückzuholen, sonst können wir gar nicht überleben. //

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