Look Out

Abgründige Sprachlosigkeit

Die Berliner Regisseurin Rieke Süßkow trifft radikale Entscheidungen

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Kritiker bezeichnen eine gelun­gene Inszenierung ja schnell einmal als „radikal“. Aber Rieke Süßkows „Medea“-Version ist es wirklich. In ihr fällt den ganzen Abend über kein einziges Wort. Trotzdem – oder womöglich gerade deshalb – wirkt die Ehetragödie, in der Medea mit ihrem fremdgehenden Gatten Jason feststeckt und schließlich die gemeinsamen Kinder tötet, hier besonders abgründig.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler agieren in einem durchsichtigen Edelwohnkasten; man schaut der Familie von außen, durch trans­parenten Gazestoff, bei ihren Alltagsroutinen zu: Zeitungslektüre, Abendessen, Hausauf­gabenerledigung, sexuelle Verrenkungsgymnastik im Ohrensessel und – ganz wichtig – die regelmäßige Beloh­nungspralinenverteilung als innerfamiliäres Macht- und Positionsbestimmungsritual. Die Hartnäckigkeit und Präzision, mit der es Süßkow gelingt, tatsächlich Sprachlosigkeit zu inszenieren (und nicht etwa ein populäres Missverständnis von ihr, die beredte Pantomime), besitzt wirklich Seltenheitswert. Kaum zu glauben, dass der Abend, der 2019 auf Kampnagel Premiere feierte und sofort zu Branchenevents wie dem jungen europäischen Regiefestival Fast Forward nach Dresden eingeladen wurde, erst Süßkows Diplomarbeit ist: die Abschlussinszenierung ihres Regiestudiums an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

Foto_ Oliver Brosmann
                                                         Foto: Oliver Brosmann

„Mich hat an ,Medea‘ die Frage nach der Selbstunterdrückung interessiert“, erklärt die 1990 in Berlin geborene Regisseurin, bei der die kolchische Königstochter aussieht wie Jackie Kennedy. Das tatsächliche Leben hat sich hinter dem zu erfüllenden Image – dem „sehr amerikanisierten, kapitalistischen Bild von der glücklichen Familie“ – bereits vollständig verflüchtigt. So sei die Sprachlosigkeit in die Inszenierung gekommen, sagt Süßkow – die das eiserne Schweigen angesichts des immensen „Medea“-Erfolges sicher zu ihrem inszenatorischen Markenzeichen hätte ausdehnen können.

Ästhetische Radikalität als Selbstzweck scheint die Regisseurin allerdings nicht zu interessieren. Sie ist eine genaue Leserin, horcht in die Texte hinein, schaut, „was sie brauchen“, statt ihnen Schablonen aufzupfropfen. Die Kevin-Rittberger-Uraufführung „IKI. Radikalmensch“, die Süßkow im Herbst 2019 am Theater Osnabrück inszenierte und mit der sie zum Festival Radikal jung nach München eingeladen wurde, brauchte zum Beispiel das Gegenteil von Sprachlosigkeit. Weil „IKI“ ein dialektisches Stück ist, das komplexe Gegenwartsfragen – nach Umwelt, Moral, künstlicher Intelligenz und der Idee von einem neuen (vermeintlich besseren) Menschen – angemessen vielschichtig umkreist statt einfach Imperative über die Rampe zu pre­digen, machte Süßkow genau diese suchende Bewegung zum Inszenierungsthema. „Die Zuschauer zu belehren, interessiert mich nicht“, sagt sie. „Wenn man ein einigermaßen offener Mensch ist, wird einem sowieso schnell klar, dass es nicht funktioniert, Dinge nur aus einer Perspektive zu betrachten.“

Auch Süßkows eigener Weg zum Theater verlief inspirierend ungeradlinig. Sie entstamme keinem klassischen Theatergängerumfeld, erzählt sie. „Eigentlich bin ich sehr naiv zum Theater gekommen, einfach mit so einer Leidenschaft und Bildern im Kopf. Ich musste mich da richtig reinkämpfen.“ Nach dem Abitur machte sie im Rahmen eines freiwilligen sozialen Dienstes in Schottland zunächst Theater mit Kindern und Jugendlichen, auch mit geistig behinderten oder gehörlosen, lernte die Gebärdensprache. Erst danach studierte sie Theaterwissenschaften in Wien und schließlich Regie in Hamburg: Ein Weg, der sie auch ein Stück weit autonom gemacht habe, sagt Süßkow, weniger verunsicherbar durch Trends und andere von außen herangetragene Erwartungen.

Nächsten Monat wird Rieke Süßkow in ihrer Geburtsstadt, am Berliner Ensemble, „Elektra“ inszenieren. Die Proben laufen zwar noch, aber eines steht bereits fest: „,Elektra‘ wird ganz anders als ,Medea‘.“ //

„Elektra“ in der Regie von Rieke Süßkow hat am 22. Oktober am Berliner Ensemble Premiere.

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