Bestandsaufnahme

In der Schatzkammer des Welttheaters

Hat das chinesische Sprechtheater eine Tradition?

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In seinem Aufsatz „Über die nationale Form und den Stil des Sprechtheaters“ schreibt Herr Jiao: „Das Sprechtheater auf den heutigen Bühnen ist keine direkte Weiterentwicklung der Musiktheatertradition, in Aufführung und Darstellung ist es mehr vom westlichen Sprechtheater seit dem 19. Jahrhundert geprägt und weniger vom chinesischen Musiktheater.“

Treue Anhänger des Stanislawski-Systems gibt es weltweit. Aber die „chinesische Schule“ von Herrn Jiao geht über das System hinaus. Basierend auf der Ästhetik des traditionellen chinesischen Musiktheaters entwickelte Herr Jiao Methoden der Darstellung nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie. Wenn in jenen Jahren die Ideologie nicht extrem einseitig geworden, wenn nicht die Kulturrevolution gefolgt wäre, hätte Herr Jiao seine „chinesische Schule“ vervollständigen können.

In meiner langjährigen Theaterpraxis war das, was mir wirklich geistige Befreiung gab, das traditionelle chinesische Musiktheater, die Kunst des Sprechgesangs (Shuochang yishu), das musikalische Erzählen aus dem Süden (Pingtan) und sogar das Zweipersonentheater ( Er ren zhuan) aus dem Nordosten. Die Darstellungsmethodik, nach der Stanislawski in seiner späteren Phase forschte, die er jedoch nicht abschloss, ist im chinesischen Musiktheater nicht nur reichlich vorhanden, man kann sogar sagen, dass sie ein brillantes Level erreicht hat.

Als ich im Jahre 1982 „Das Notsignal“ (Juedui xinhao) inszenierte, diskutierte ich mit dessen Verfasser Gao Xingjian (dem späteren Literaturnobelpreisträger von 2000, Anm. d. Red.) und sagte zu ihm: „Wie beeindruckend wäre es, wenn unsere Sprechtheaterschauspieler auf der Bühne singen, sprechen, spielen und kämpfen würden wie die Schauspieler im Musiktheater. Wir hätten die Bedingungen, ein Theater zu machen, das alles kann.“ Nachdem ich 1985 „Der Wildmensch“ (Yeren) von Gao Xingjian inszeniert hatte, wagte ich zu sagen: „Es gibt nichts, was man auf der Bühne nicht darstellen kann, auch diese Ansicht suggeriert mir die Ästhetik des traditionellen chinesischen Musiktheaters.“

Durch die Praxis kam Herr Jiao zu seiner Theorie, östliches Musiktheater mit westlichen Darstellungsmethoden zu verbinden. Er sagte: „Unseren Sprechtheaterregisseuren fehlt es an Fantasie, wir sind dem Text und dem Leben treu verbunden, doch den Inszenierungen, die dabei herauskommen, mangelt es an Leuchtund künstlerischer Lebenskraft. Die Regiekonzeptionen sind nicht mutig genug, oder dem Mut fehlt es an Tiefe. Wenn die Sprechtheaterregisseure den vielfältigen Stil des Musiktheaters beherrschen und diesen mit den speziellen Bedingungen des Sprechtheaters perfektionieren, dann wird daraus ein sehr spannendes Theater entstehen.“

Das traditionelle chinesische Musiktheater ist eine Schatzkammer des Welttheaters. Einige Libretti aus der Yuan-Dynastie zählen zu den Weltklassikern. Die Theorie des Musiktheaters ist sehr schwer zu beschreiben, in der Praxis arbeitet man eng am Theatertext, ein Meister bringt dir das Sprechen und Singen bei, und du machst das so, wie er es dir sagt, so erreichst du eine Könnerschaft in der Kunst!

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