„Die Göttin Kunst! Und hier ist ihre Stätte!“

Zur Baugeschichte des Theaters Stralsund

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Am 19. April 1915 war das Stadttheater Stralsund offiziell fertig. Doch das eigentliche Theater war nun der Krieg, das Publikum befand sich zu großen Teilen an der Front. Vielleicht hat Carl Moritz nach der baupolizeilichen Abnahme dem Bürgermeister Arthur Felix Emanuel Lütke (Oberbürgermeister war zu der Zeit Ernst August Friedrich Gronow, aber der hatte andere Aufgaben) zum Abschied die Hand geschüttelt und dem unglücklichen Direktor Treutler auf die hängenden Schultern geklopft, bevor er nach Köln abreiste. Ludwig Treutler wollte die Bürgerschaft noch davon überzeugen, das Haus auf eigene Kosten zu eröffnen und zu betreiben. Vergeblich – er starb am 28. August 1915. Das Theater vor der Stadt fiel noch ein weiteres langes Jahr in einen Dornröschenschlaf. Hier blieb erst einmal der Vorhang zu! Im Alten Schauspielhaus war die Landwirtschaftsschule eingezogen. Seit 1913 bestand für alle Berufe Berufsschulpflicht. Ein willkommenes öffentliches Gebäude. Stralsund hatte nun also gar kein Theater.

Wir nutzen die Pause, um in einem der zerschlissenen Exemplare der „Flugblätter für künstlerische Kultur“ zu blättern. Was war die Intention des Baumeisters Moritz? Primär stellte er die antike Bühne gegen den Theaterbau der Renaissance und wertete den Übergang von dem einen zum anderen als einen „verhängnisvollen Schritt“. (Moritz, S. 6) Das antike Bühnenbild sei von großer Breite und geringer Tiefe gewesen. Die Schauspieler standen in Einzelszenen vor einer bemalten Wand. Dem entsprach das Halbrund des Zuschauerraums in den Amphitheatern mit seinen vorzüglichen optischen und akustischen Verhältnissen. Der Zuschauer sei so zu lebhafter Mitbetätigung aufgefordert gewesen. Die Renaissance, so Moritz, schwelgte plötzlich auf allen Kunstgebieten mit perspektivischen Wirkungen, mit zauberhafter Illusion von Wirklichkeit. „Es wurde üblich, zwischen die einzelnen Akte der antiken Komödie allegorische Festspiele einzufügen, die mit […] unglaublichen szenischen Effekten, Verwandlungen, Herabschweben und Verschwinden von Figuren usw. ausgestattet waren.“ (Ebd., S. 6) Dieser Aufwand bedurfte eines großen Bühnenraumes. Dementsprechend wuchs auch der Zuschauerraum in die Tiefe.

Denn von den Seitenplätzen eines Halbrunds ist das hintere Bühnenprospekt einer Guckkastenbühne nicht einsehbar. Um die nötige Platzzahl gegenüber der Bühne zu schaffen, griff man zu dem Mittel, Sitzreihen in mehreren Stockwerken übereinanderzutürmen. Das Rangtheater entstand. Oft in Straßenzüge eingeklemmt wurde diesen verhängnisvollen Fortentwicklungen theatraler und dekorativer Übertreibung – er machte sich lustig über Panthergespanne auf mächtigen Sockeln – von den meisten Architekten zu allem Übel noch eine Palast- oder Tempelfassade vorgeklebt.

Als Beispiele gelungener Theater nun schwärmte Moritz für die alte Pariser Oper und das geniale Wirken von Gottfried Semper, insbesondere als Baumeister des Alten Hoftheaters in Dresden. (Der Vorgängerbau der heutigen Semperoper war 1861 bei einem Brand vollständig zerstört worden.) Die klassische Form der Außen - architektur in Übereinstimmung mit dem inneren Kern, das klare Hervorheben und Absetzen der Haupträume, die Bogenform des Zuschauerraums für die richtige Führung des Menschenstromes – kurz: Die Haupträume sollten klar nach außen zur Geltung kommen und neben der Bühne und dem Zuschauerraum auch die hauptsächlichen Nebenräume, die Treppenhäuser und das Foyer. (Vgl. Ebd., S. 2) Das war sein Prinzip eines gelungenen Theaterbaus: Funktion und Optik zur Deckung zu bringen. Und nach allen verheerenden Theaterbränden, wobei der Ringtheaterbrand 1881 in Wien (384 Tote bei einer Auf - führung von „Hoffmanns Erzählungen“) eine Zäsur einleitete, stand ihm der Schutz des Menschen, also die Verwendung von Stahlträgern, Massivbau und Elektrizität, über allem.

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