„Die Göttin Kunst! Und hier ist ihre Stätte!“

Zur Baugeschichte des Theaters Stralsund

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Zurück in den Ersten Weltkrieg. Am 16. September 1916 eröffnete Stralsund endlich sein Theater. Mit einem neuen Intendanten, Otto Henning aus Hannover. „Das gewaltige Völkerringen, Sorgen und Kummer des Alltags, waren für einige Stunden vergessen.“ Der unermüdliche Reporter berichtete weiter, dass viele Stralsunder stundenlang bei schlechtem Wetter angestanden hätten, um die Einweihung mitzuerleben. Man spielte „Prinz Friedrich von Homburg“ von Kleist, Beethovens „Die Weihe des Hauses“. Ludwig Fulda, meistgespielter Autor des Jahrzehnts, steuerte auch für diesen Anlass patriotisch gesinnte Verse bei. Direktor Otto Henning verlas die Dichtung:

„Die Weihe des Hauses“

Was ruft in weltgeschichtlich ernster Stunde
Euch alle hier zu friedsam heitrer Schau?
Weshalb durchflutete mit froher Kunde
Ein Strom von Wohllaut diesen Tempelbau?

Die stolze Hansestadt am Strelasunde
Mit Toren, Türmen, Giebeln, altersgrau,
was weckt in ihr ein frisch beflügelt Regen,
als eile sie verjüngtem Ruhm entgegen?

Ist dies die Zeit der Feste? Darf er dauern,
Der Freude feiertäglich holder Schall?
Zwar tobt nicht mehr um die erprobten Mauern,
Wie vormals Schweden- und Franzosenzoll.
Und vor des Weltkriegs schwerem Wetterschauern
Schirmt stählern sie der vorgerückte Wall.
Von Heldenleibern und von Heldengeistern
Die Zoll für Zoll der Feinde Trutz bemeistern.

Und doch, die Seele der Daheimgebliebnen,
Umhegt sie nicht mit ihrer ganzen Glut
Die von der deutschen Not ins Feld Getriebnen,
Die Tapferen, mit ihrem Herzensblut
Auf immerdar in unser Herz Geschriebnen?
Kann unsrer Sorgen, unsrer Wünsche Flut
Sich einen Augenblick vergessend glätten,
im sichern Port zu sanfter Rast sich betten?

O nein, es ist kein müßiges Behagen,
dem edlen Bürgersinn dies Haus geweiht,
Und selbst in so beladnen Schicksalstagen
Darfs heut zu hohem Priesterdienst bereit,
im freien Lichte frei die Stirne tragen,
als neues Zeugnis einer großen Zeit,
Die während rings der Sturm das Land umwütet,
Das heilige Feuer am Altar behütet.

Denn eine hehre Göttin soll sich hier thronen,
herabgestiegen aus des Aethers Höhn,
um tröstend, labend unter uns zu wohnen,
nach Werktagsmühsal und nach Kampfgedröhn
Die Schaffer und die Streiter zu belohnen
Und was unsterblich und echt und schön,
Ob gegenwärtig oder längst vergangen,
In ihrem lautren Spiegel aufzufangen.

Mag auch die Welt von Taten widerhallen,
vor denen sie beschämt zur Seite trat,
Wort und Gebärde, ihres Throns Vasallen,
Sind selbst ja nur ein Sinnbild für die Tat.
Wer lässt vollbrachter Taten Preis erschallen?
Wer streut zu neuen, künftigen die Saat?
Wer fügt und reiht wie Perlen sie zur Kette?
Die Göttin Kunst! Und hier ist ihre Stätte.

Wohlan denn, mag der Grimm der Feindesscharen,
vor Ohnmacht geifernd und vor Schwäche dreist,
uns vor der Welt verlästern als Barbaren,
dies Haus, das heute sich vollendet weiß,
Gekrönt und aufgetan in Kriegesjahren,
beredet verherrlicht es den deutschen Geist.
Der auch beim notgedrungnen Waffenschmieden
Den Väterhort vermehrt gleichwie im Frieden.

Und jetzt aus einem deutschen Meisterwerke
Sprech er mit Flammenwort zu Eurem Ohr,
Flöß in die Brust euch Zuversicht und Stärke
Und stell im Liede deutschen Sieg euch vor.
Ehrt ihn, damit der Troß der Mörder merke,
Solch eines Geistes Fackel steigt empor.
Und mag das Schwert auch in der Scheide liegen,
Die deutsche Kunst hört nimmer auf zu siegen.

Am 29. Februar 2008 eröffnet Stralsund wiederum sein Stadttheater. Mit Ludwig van Beethovens „Weihe des Hauses“, wie schon 1916. Oberbürgermeister Harald Lastovka begrüßte die Gäste und übergab mit dem Architekten sowie der Stadterneuerungsgesellschaft den Schlüssel offiziell an den Intendanten Prof. Anton Nekovar. Anschließend führten Kinder der Jona-Schule eine eigene Komposition als Gruß und Glückwunsch zur Wiedereröffnung des Theaters auf. Der Minister für Verkehr, Bau und Landesentwicklung des Landes Mecklenburg-Vorpommern gratulierte mit einer Rede. Das Orchester spielte auf der Bühne unter Generalmusikdirektor Prof. Mathias Husmann die Einleitung zur Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gratulierte der Hansestadt und dem Theater als Bundestagsabgeordnete in ihrem Wahlkreis. Und zum Schluss gabs noch eine Kostprobe aus dem Musiktheater: Albert Lortzings „Den hohen Herrscher würdig zu empfangen“, die Singschulprobe aus „Zar und Zimmermann“, gesungen von Bernhard Leube, Bass im Ensemble, dem Opernchor und der Singakademie Stralsund. Und als die langen und aufregenden Feierstunden im Fluge vorbeigerauscht waren, feierten Stralsunder Bürger und Gäste ein Fest, das sie bestimmt in ihrem Leben nicht vergessen werden. Draußen vor der Stadt auf dem grünen Hügel, nun wieder umgeben von einer Parkanlage.

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