Machen, nicht klagen

Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz

von und

Gunnar Decker: Der Titel des Buches lautet nicht zufällig: „Alles auf Anfang“. In den siebenunddreißig Jahren, die Sie, Herr Kümmritz, nun für das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin tätig sind, scheint mir, wurde mehrfach alles auf Anfang gestellt – mit den damit verbundenen Risiken: 1990 nach der Wende, 1992 mit Ihrer Dreierintendanz zusammen mit Werner Saladin und Ingo Waszerka und 1999 mit der Gründung der Staatstheater-GmbH und dem Beginn Ihrer Generalintendanz. Sie gelten in Schwerin als ein beispielhafter Bildungsbürger. Und haben Sie ganz anders begonnen?
Joachim Kümmritz: Ursprünglich wollte ich ja Koch werden – was Kreatives! Aber das hat mir mein Vater verboten. Er sagte: Du lernst einen Beruf mit Zukunft! Mein Vater war Techniker, meine Mutter Sachbearbeiterin, mit Theater hatten beide nichts zu tun. Und in den 1960er Jahren war die BMSR-Technik nun mal das Neueste, was in dieser Zeit möglich war.

„Othello“, 1993, I: Michael Jurgons, ML: Thomas Möckel, B/K: Änn Schwerdtle. Dirk Glodde, Thorsten Merten. Einladung zum Theatertreffen 1994. Foto: Sigrid Meixner
„Othello“, 1993, I: Michael Jurgons, ML: Thomas Möckel, B/K: Änn Schwerdtle. Dirk Glodde, Thorsten Merten. Einladung zum Theatertreffen 1994. Foto: Sigrid Meixner

Die andere Seite in Ihrer Biografie ist die des Arbeiters Joachim Kümmritz, der nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule 1965 in Berlin den Beruf des BMSR-Technikers lernte und nebenbei das Abitur in der Volkshochschule Berlin-Köpenick machte. In Zeiten des Computers muss man wohl sagen, was das ist, BMSR-Technik: Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, übrigens mein Prüfungsthema in der 10. Klasse im Fach ESP (Einführung in die Sozialistische Produktion). Vom „Messglied“ zum „Stellglied“, da stellte man das System auch – nach den Regeln der Mechanik – immer wieder auf Anfang. 1970 wurden Sie Produktionsarbeiter im VEB Technische Gase, dann Einkäufer im VEB Fahrzeugausrüstung Berlin. Und plötzlich zum 1.1.1979 findet man Sie am Mecklenburgischen Staatstheater als Mitarbeiter der Investbauleitung angestellt. Was war hier auf Anfang gestellt worden – und warum musste es dann doch das Theater sein?
Es gab neben meinem Vater auch den Vater eines engen Schulfreundes, bei dem ich viel Zeit verbrachte, und das war der Apotheker Murach. Der hatte bei uns an der Ecke eine Apotheke, und am Wochenende fuhren die raus nach Neu-Venedig bei Rahnsdorf. Und oft durfte ich mitkommen. Da lernte ich dann eine andere, eben die bildungsbürgerliche Welt kennen. Damals hörten wir immer „Schlager der Woche“ im RIAS. Der Apotheker sagte dann irgendwann zu uns: Hier wird nicht „Schlager der Woche“ gehört, sondern richtige Musik.

Was stand auf dem Programm?
Er spielte uns ein Platte mit Dvořáks „Aus der neuen Welt“ vor, das gefiel mir, darum ließ ich mir das gefallen. Auch als er sagte: Ihr fangt jetzt mal an, ordentliche Bücher zu lesen, und mir Hesses „Steppenwolf“ in die Hand drückte. Hesses „Stufen“-Gedicht kenne ich seit damals: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, aber auch tragikomische Sachen wie Morgensterns „Palmström“- Gedichte: „Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge und von einem Kraftfahrzeuge überfahren …“ Das Ende hat mich stark beeindruckt, als offenbares Zeugnis scholastischen Zurechtbiegens des Tatsächlichen: „Und er kommt zu dem Ergebnis: ‚Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil‘, so schließt er messerscharf, ‚nicht sein kann, was nicht sein darf.‘“ So lernte ich also klassische Musik kennen und ebenso die klassische Literatur. Dieser Apotheker sprach immer mit Hochachtung vom Theater.

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