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Wie Menschen „wirklich“ sind

2. Entgrenzungen

von

 

Menschen drängen zur Fixierung hin und von ihr fort, sie exponieren ihr Selbst und verhüllen es, verleihen ihrem Innersten Ausdruck oder wahren das Caché und finden im Wechsel dieser Haltungen ihr fragiles Gleichgewicht. Die Haltungen auf die jeweiligen Verhaltenskontexte passgenau abzustimmen, ist Aufgabe der ‚Außenpolitik‘ der Individuen. In Funktion – Minister, Anwalt, Ärztin, Lehrerin – und gleichzeitig ‚man selber‘ sein zu wollen, unverstellt, so, wie man „wirklich“ ist, verrät eine beunruhigende Verunsicherung der Instinkte.

Wohl toleriert das funktionale Dasein im Postfordismus expressivere Selbstdarstellungen als vordem. Ein gewisses Maß an Offenheit, Einfühlungsvermögen und Sensibilität gilt als Ausweis zeitgemäßer Professionalität.19 Nur fungieren diese Eigenschaften gleichzeitig als Spieleinsätze in einem Wettbewerb, der Sieger und Verlierer produziert. Am besten fährt, wer Offenheit glaubwürdig ausstrahlt, andere ins Offene lockt und deren Mangel an Aufsicht auszunutzen weiß. Man kontrolliert seine Gefühle, panzert sich mit inszenierter Aufgeschlossenheit und münzt seine emotionale Intelligenz in Extraprofite um.20 Keine Freiheit ohne Preis, das ist die Regel; abgelebte Zwänge weichen selten, ohne dass neue sie ersetzen.

Der heutige Berufsmensch unterliegt, wie in der Vergangenheit auch, Zwängen rein funktionaler Natur und verwandelt diese in Selbstzwänge des Verhaltens. Das reibungslose Zusammenwirken Vieler verlangt die Dämpfung ungestümer Leidenschaften, das Zurückstellen von Akutwünschen zugunsten aufgeschobener Triebbefriedigung, Langsicht, Stresstoleranz und manches mehr. In diese rein funktionalen Zwänge mischen sich auf häufig schwer zu entwirrende Weise solche, die ausschließlich der sozialen Disziplinierung zuarbeiten.21 Diese segeln nicht länger unter der Flagge von Verbot, Versagung, Unterwerfung; sie kommen als Chancen daher, laden zur Verausgabung ein, zur Selbstverwirklichung. Je größer die Spielräume, die ein Beruf tatsächlich eröffnet, desto leichter fällt die Verkennung dieser rein sozialen Zwänge, deren kritiklose Internalisierung.

Der moderne Fußball liefert ein diese Problematik gut beleuchtendes Exempel. In den 1950er Jahren legten Spitzenspieler während eines Matches im Durchschnitt drei Kilometer zurück. Zwei Jahrzehnte darauf hatte sich der Laufweg in etwa verdoppelt und gegenwärtig liegt der Wert bei über zehn Kilometern. Es ist noch nicht allzu lange her, da bestritten die Profis selbst der obersten Ligen ein Spiel pro Woche, jetzt sind es derer zwei, mitunter drei. Die Wettbewerbe wurden vervielfacht, die Zahl der teilnehmenden Mannschaften aufgestockt, Spielzeiten entflochten, um das Produkt Fußball einträglicher zu vermarkten. Die Gehälter der Besten stiegen himmelwärts, die Transfersummen ebenso, um die Geschäfte profitabel zu halten, mussten noch mehr Spiele her. Kein Tag ohne Fußball, speziell im Fernsehen, erst Mord, dann Sport – aus diesem Volksvergnügen noch den allerletzten Cent herauszupressen, ist die Devise der Veranstalter.

Die ultimativen Grenzen dieses Unternehmens geraten in Sicht, indem sie hier und da schon überschritten werden. Sich bei inflationiertem Spielbetrieb stets aufs Neue aufzuraffen, fällt immer schwerer, die überspannten Glieder ermüden, brechen, Depressionen nehmen zu, mancher wirft das Handtuch, steigt aus, trotz aller Verlockungen, oder geht auf die Gleise, wenn seelisch nichts mehr geht. Das alles bei höchster intrinsischer Motivation, exorbitanter Entschädigung, herausgehobener Prominenz, weltweitem Ruhm. Man muss schon über eine außergewöhnlich robuste Ausstattung verfügen, um die Belastung ‚sportlich‘ zu nehmen, die Zwänge zu verdrängen, die dem außer Rand und Band geratenen Verwertungstrieb geschuldet sind.

Dieselbe schmerzhafte Entwicklung vollzog sich quer durch alle Branchen und Professionen. Die Verdichtung der Arbeit wuchs, der Kreis der den Einzelnen zugewiesenen Aufgaben erweiterte sich, die Forderung, selbständig Entscheidungen zu treffen, stand und steht nur allzu oft im Widerspruch zum effektiven Entscheidungsspielraum. Ermüdung, Frustration, starker Leidensdruck, Aussetzer infolge wachsender Arbeitslast selbst, gerade bei denen mit hohem Arbeitsethos – empirische Untersuchungen belegen diese Phänomene zweifelsfrei.22

Die Notrufe aus den Reihen der Überspannten häufen sich, desgleichen die Bedenken, Leben und Beruf fraglos in eins zu setzen. Ein kombinatorischer Lebensstil gewinnt unter Endzwanzigern, Anfang Dreißigern wachsende Attraktivität. Pragmatisch orientiert, rechts- und regelkundig, stellen sie sich den Unternehmen in wohl abgemessenen Dosen zur Verfügung, durchaus willens, vorübergehend im Crunchmodus zu arbeiten, Date- und Deadlines ausgesetzt. Nur hören sie dabei auf ihre innere Stimme und schalten, wenn die sich meldet, entweder einen Gang zurück oder klinken sich eine Zeitlang aus dem Treiben aus. Sie wenden sich ihren Familien, Freunden, Hobbys zu und warten, bis sich das Bedürfnis erneuert, wieder intensiver einzusteigen. Ihre Erzeuger, vorwiegend Akademiker wie sie selbst, waren stets zu viele, um phasenweise auszuspannen; Konkurrenz macht geschäftig. Die Jüngeren bilden kleinere Kohorten, so dass es ihnen leichter fällt, ihre Dienstherren für die langfristigen Vorteile ihres Angebots „volle Leistung gegen halbes Leben“ einzunehmen.

Wächst hier eine neue Generation heran? Jahrgangsgruppen bilden nicht allein deshalb Generationen, weil man sie dazu ernennt; seit der „Generation Golf“ geschieht das in immer kürzeren Intervallen. Inzwischen begrüßen wir die Generationen „Y“ und „Z“, das Alphabet ist ausgereizt, kaum jemand weiß zuverlässig anzugeben, was das eigentlich ist, ein Generationszusammenhang, eine Generationseinheit, Karl Mannheim sei’s geklagt. Ob die Arbeitspragmatiker den Arbeitsfanatikern den Rang ablaufen, bleibt abzuwarten. Das abschließende Urteil über das Modell Toni ist noch nicht gesprochen.

 

19Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2006.

20Wolfgang Engler: „Seelendividende. Über Rollenspiele und emotionales Engagement“, in: Jörg Metelmann, Timon Beyes (Hg.): Die Macht der Gefühle. Emotionen in Management, Organisation und Kultur, Berlin 2012.

21Zum Problemkreis unentbehrlicher und entbehrlicher Konditionierungen vgl. den Klassiker von Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Zweiter Band: Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Frankfurt am Main 1976.

22Pierre Bourdieu: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997. Diese Untersuchung löste Folgestudien in einer ganzen Reihe europäischer Staaten aus. Für Deutschland siehe: Franz Schultheis, Kristina Schulz (Hg.): Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag, Konstanz 2005 sowie Franz Schultheis, Berthold Vogel und Michael Gemperle (Hg.): Ein halbes Leben. Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch, Konstanz 2010.

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