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Brechts Galilei

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Nicht als individuelles moralisches, sondern als politisches Problem hat sich ein Tableau abgezeichnet, das jeden zeitgenössischen Zuschauer des Galilei an die desolate Lage der marxistischen Intelligenz erinnern musste, die oft aus begründeter Todesfurcht oder Opportunismus, vielleicht auch einmal aus ehrenwerten Gründen sich der neuen Stalinschen „Weltkirche“ gegenüber in der Zwangslage befanden, politische Handlungen zu rechtfertigen, an die sie selbst nicht glaubten. Da niemand abzusehen vermag, was es für den Kampf gegen Hitler bedeutet hätte, wenn sich in der Sowjetunion ein innerer Kampf, womöglich ein Bürgerkrieg, entwickelt hätte, wird man es sich mit dem historischen Urteil über diese politische Position, die damals viele einnahmen, nicht zu leicht machen dürfen. Brechts Darstellung in der ersten Fassung zielt darauf ab, durch die erbarmungslose Konfrontation und ohne eine dialektische Auflösung den Zwiespalt, die Spaltung im Bewusstsein und der Praxis der Kommunisten in Szene zu setzen. Der Konflikt sollte nicht im Selbstbewusstsein des Helden ausgetragen und aufgehoben werden. In frühen Entwürfen findet sich bei Brecht noch der Arbeitstitel „Leben des Galilei. Fassung für Arbeiter“ und die Urfassung trägt den Titel „Die Erde bewegt sich“. Beides weist darauf hin, dass Galilei anfangs, wenn nicht als Lehrstück konzipiert, so jedenfalls noch im Zeichen der Lehrstückidee konzipiert war. Manche Anspielungen der ersten Fassung in diesem Sinne sind später entfallen. Darin wird Andrea zum Beispiel „Rotschädel“ genannt. Will sagen: Auch der revolutionären Jugend, so der aktuelle Bezug 1938, kann der opportunistische Intellektuelle/Galilei nicht mehr Vorbild sein. So wie Galileis Widerruf (in Brechts historischer Fiktion) die revolutionäre bürgerliche Bewegung um einen großen Teil ihres optimistischen Schwungs und ihrer Überzeugungskraft bringt, so die stalinistische Realität und die Anpassung vieler Tuis an sie. Galilei weiß: „Freilich, wer wollte noch für diese kühnen neuen Lehren sprechen, nachdem ich, eine ihrer Autoritäten sie der Lüge geziehen habe?“ Und er ist der Meinung, „daß ich alles zerstört habe, was es an Versuchen gab, die dem blinden Glauben schädlich sind“.20

Galilei ist hier beides zugleich: einerseits ein Widerstandskämpfer, der mit List seine Forschungen weiter betreibt, andererseits Schuldiger, der selbst mitleidlos seine „Selbstzerstörung“ verurteilt. Der Autor befragt im Medium des Theatertextes die marxistische Intelligenz und nicht zuletzt sich selbst, ob die Position der Anpassung ohne Selbstzerstörung durchgehalten werden kann.

Die hier skizzierten historisch-politischen Zusammenhänge, die die Frage betreffen, worin für Brecht Galileis Versagen bestand, hat die Brechtforschung bis heute vernachlässigt, auch nachdem Journale, Briefe usw. aus dieser Zeit zugänglich wurden. (Umso erfreulicher ist es, dass Stephen Parker in seiner Biographie Bertolt Brecht: A Literary Life, 2014, von der biographischen Seite zahlreiche Argumente vorlegt, die unsere Deutung stützen.) Die Auslegungen konzentrieren sich durchweg auf die Frage nach der Verantwortung des bürgerlichen Wissenschaftlers für den Faschismus, dann die Atombombe. Dagegen hat Isaac Deutscher schon 1963 in seiner Trotzki-Biografie behauptet, es seien die Moskauer Schauprozesse gewesen, die Brecht zum Galilei angeregt hätten. (Seine These hat er zwar durch eine allzu direkte Gleichsetzung Galilei = Bucharin geschädigt, aber Deutscher war kein Literatur- oder Theaterwissenschaftler.) 1965 stritt Ernst Schumacher diesem Gedanken mit bis zum Absurden unzulänglichen Argumenten jede Berechtigung ab, erst recht der Idee, die thematische Strukturierung des ganzen Dramas um das Problem des Stalinismus ins Zentrum zu rücken. Fest steht jedoch: Brecht hat mehrfach in überlieferten Äußerungen den Moskauer Prozessen ein intensives Interesse entgegengebracht; die rasch veröffentlichten Prozessprotokolle befanden sich in seinem Besitz; sie weisen Anstreichungen auf, die seine Lektüre bezeugen und ein besonderes Interesse an Bucharin, Rykow und den beiden des Mordes an Gorki angeklagten Ärzten verraten. Das Schlusswort Bucharins erinnert in einigen

Passagen sowie im Tonfall sogar nach Schumachers eigenem Bekunden, der die Ähnlichkeit „zufällig“ nennt, „auffällig“ an Galileis Selbstanalyse. Bedeutung fürs Galilei-Verständnis kommt einer Kritik der Schauprozesse im Buch der Wendungen zu: Me-ti (das ist Brecht) tadelte den Ni-en, weil er in seinen Prozessen gegen seine Feinde im Verein vom Volk zu viel Vertrauen verlangte. Das sei „wie wenn man von mir verlangt, daß ich etwas Unbeweisbares glaube. Durch den beweislosen Prozess hat er dem Volk geschadet. Er hätte es lehren müssen, Beweise zu verlangen.“21

Während man bei orthodox-marxistischen Wissenschaftlern den Verdacht nicht unterdrücken kann, es ginge darum, Brecht à tout prix vor dem Verdacht zu bewahren, er könne Ansichten gehegt haben, die im politischen Jargon „antisowjetisch“ oder „trotzkistisch“ heißen, scheint bei der „westlichen“ Forschung vor allem eine andere Sichtblockade wirksam zu sein. Man ist entschlossen, sich den Brecht der klaren moralischen und politischen Botschaft nicht rauben zu lassen, denn das wäre eine Revision, die zugleich ein ganz neues kritisches Durchdenken der Idee des epischen Theaters nach sich ziehen müsste.

Eine der wenigen, die die politische Dimension des Stücks analysiert haben, ist die früh verstorbene Betty Nance Weber, die sich dem Versuch gewidmet hat, die Meisterwerke des epischen Theaters – Mutter Courage,Galilei, Der kaukasische Kreidekreis – als kritische Chronik und Dramatisierung der sowjetischen Geschichte von 1917 bis 1938 lesbar zu machen. Dies bleibt ein großes Verdienst, auch wenn sie in zu einseitiger Weise eine Identifizierung Galilei/Brecht = Trotzki vornahm und es den Kritikern so leicht machte, ihre Erkenntnisse, die alle auf eine Bezugnahme des Textes auf die Prozesse hindeuten, insgesamt zu ignorieren. Brecht griff in seinem Gedicht „Die Bolschewiki entdecken im Sommer 1917 im Smolny, wo das Volk vertreten war: in der Küche“ eine Episode aus Trotzkis Mein Leben auf.22 Im Jahre 1910 publizierte Trotzki die Idee der permanenten Revolution, 1610 bestätigt Galilei die Lehre des Kopernikus mit der im Text betonten permanenten Bewegung. Brecht ändert das historische Datum der Amtszeit des neuen Papstes von 1623 auf 1624 – 1924 starb Lenin, der Aufstieg Stalins begann, der oft „der rote Papst“ genannt wurde. Galileis Widerruf fand am 22. Juni 1633 statt – Trotzki vergleicht den Widerruf von Rakowski 1933/34 mit dem von Galilei. Die – historisch haltlose – Vorstellung, Galilei sei einen Moment lang ebenso stark gewesen wie seine Gegner, klingt wie ein Echo auf Trotzkis selbstkritische Feststellung“23, er hätte noch auf dem Zwölften Parteikongress gegen Stalins Bürokratie siegen können.

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