Haushalts Ritual der Selbstvergessenheit

Oder: Fabelhafte süß produzierte „Betriebszeit“ der europäischen Kultur

Im Winter 2013 hatte am Theater Basel Christoph Marthalers Inszenierung „Das Weisse vom Ei / Une île flottante“ Premiere. Bereits lange im Vorfeld fiel die Entscheidung, für dieses Projekt auf einen Pianisten zu verzichten und stattdessen vor allem alte Schallplattenaufnahmen herauszusuchen, die sich die Schauspieler auf der Bühne anhören würden. Fast überhaupt nicht sollte live gesungen werden an diesem auf Texten von Eugène Labiche basierenden Abend. Und genau so kam es dann auch: Bis auf einen winzigen Ausschnitt aus Mozarts „Ave verum“ und eine einzige Situation, in der die Schauspieler auf erschütternd intonationsunsichere Weise gemeinsam das Volkslied „Ännchen von Tharau“ anstimmen, erklingt im zweistündigen „Das Weisse vom Ei“ so gut wie keine live vorgetragene Vokalmusik. Dennoch war wenige Tage später in einer Zeitungskritik zu lesen: „Wie immer bei Marthaler wird sehr viel gesungen.“ Das ist überraschend. Und doch auch wieder nicht. Denn das Theater Christoph Marthalers scheint von einer kaum abregnungsgefährdeten Wolke von Erwartungshaltungen umgeben, die nicht selten den Blick auf die eigentlichen Ereignisse zumindest verschiebt. So auch bei den stets wiederkehrenden Beschreibungen der Bühnenräume Anna Viebrocks und Duri Bischoffs („Wartesäle der Einsamkeit“) und der liebevoll gemeinten Ensembledefinition der „Marthaler-Familie“. Ein wenig anders verhielt es sich jedoch, als nach einem Moskau-Gastspiel der ebenfalls in Basel entstandenen Produktion „King Size“ in einer russischen Onlinetageszeitung (свободная пресса – Freie Presse) eine Rezension erschien, die interessehalber ihren Weg in den Google-Translator fand. Das Ergebnis, das zunächst einfach nur katastrophal albern wirkte, enttarnte sich auf den zweiten Blick als eigenartig präzise Beschreibung des Theaters von Christoph Marthaler. Folgendes war dort zu lesen:

Fisch in den Teich eingeschlafen

Christoph Marthaler, Musiker, Regisseur und Dramatiker – berühmt wurde im Jahr 1993, unmittelbar nach der Anweisung im Berliner Theater „Volksbühne“ Leistung mit dem seltsamen Namen „Tötet Europäer! Genießen Sie es! Pristukni es! Mach ihn fertig! Christoph Marthaler patriotischen Abend“.

Christoph Marthaler in Grönland. Foto: Anna Viebrock
Christoph Marthaler in Grönland. Foto: Anna Viebrock

In all seinen Auftritten die Schauspieler singen eine Vielzahl von Musik-Sounds auftreten, einfache Dinge guckte Schweizer auf den Straßen, in den Häusern und auf den Bahnhöfen. In der Tat, Theater Marthaler – eine Schweizer Version verbatima Docking-Theater, Chor verstanden als kollektives Handeln und Haushalts Ritual der Selbstvergessenheit. Marthaler Wandern mit dem Recorder zum Bahnhof in sich wiederholenden, Serien übersetzt, geschlungen Gesten Rhythmen und Klänge. Dies sind einige Clown absurd Allgemeinheit der Menschen singen wunderbar, die sich vor den Augen der Zuschauer.

Zu dieser Zeit in Basel Direktor Einfachheit und Schlichtheit überrascht Spiel „King Size“. Das ist der kürzeste Nacherzählung des Spiels – schlafen mein Schatz, schlafen im Haus Lichter gingen aus. Und es ist zu entscheiden, welche die Zuschauer Haus alle erloschen – Europäische, Familie oder in einer psychiatrischen Tagesklinik. Gestik, Tonfall, melodische Lieder in drei Sprachen durchgeführt – Natürlich, genau Marthaler minimale Sachen berechnet. Minimalismus – eine heikle Angelegenheit, so dass offen die Form des Stücks, die Phantasie der Zuschauer in dorisovki Bild dessen, was geschieht engagieren.

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