„Das Land der Deutschen aber ist gespalten“

Klaus J. Bade über den Umgang mit Migration in Ost und West. Gespräch am 20. März 2016

von und

Bisky: Sie beginnen Ihren Rückblick mit den Vertriebenen. Kann man das mit der heutigen Situation vergleichen? Es gibt Leute, die würden Ihnen sagen, das waren halt Deutsche, die teilten unsere Kultur, da hatten wir keine Integrationsprobleme. Das ist der erste Einwand. Und der zweite Einwand, den man haben könnte, ist, dass so etwas wie eine Kriegsniederlage und der Zweite Weltkrieg ganz Europa durcheinandergewirbelt hat, und danach stellen sich Integrationsfragen anders als heute in einer entwickelten und friedlichen Gesellschaft.

Bade: Der Vergleich ist natürlich hochinteressant. Als wir versucht haben, in den 1980er Jahren Integrationsfragen der Gegenwart mit Integrationsfragen der Nachkriegszeit zu vergleichen, wurden wir fast totgeschlagen mit dem Argument, dass die Vertriebenen und Flüchtlinge doch, bitteschön, keine ‚Migranten‘ waren. ‚Migrant‘ war ein denunziativ konnotierter Begriff, ‚Flüchtlinge und Vertriebene‘ war eine positive Erinnerung an Probleme, die angeblich durch die ‚Schicksalsgemeinschaft‘ bewältigt wurde nach dem Motto: Es war schon so schlimm, es konnte nur aufwärtsgehen. Ziemlicher Quatsch.
Wir haben in den 1980er Jahren Interviews gemacht, als die Erlebnisgeneration noch lebte. Und wir mussten erleben, dass manche Interviewpartner weinten und sagten: Sie sind die Ersten, die fragen, wie es uns eigentlich nach Flucht und Vertreibung bei der Integration gegangen ist. Bislang haben wir nur immer von denen gehört, die uns aufgenommen haben, wie erfolgreich das alles gewesen ist. Und dann kam oft kaskadenähnlich eine Vielfalt von Ausgrenzungserfahrungen. Bis hin zu der Aufforderung, doch bitte freundlich im Kuhstall oder im Schweinestall Platz nehmen zu wollen, bis hin zu der Selbstverständlichkeit, mit der man davon ausging, dass die Vertriebenen nun als Knechte und Mägde auf dem Hof arbeiten würden, auf den sie zwangseingewiesen wurden. Bis hin auch zu Demonstrationen, von denen es Bilder gibt mit Plakaten, auf denen es hieß: Herrgott bewahre uns vor den Flüchtlingen, es ist uns schon so Schlimmes geschehen und wir haben selber kaum zu essen, lass die nicht auch noch über uns kommen. Das war ein schwieriger Prozess, der in der denunziativen Dimension sogar so weit führte, dass bei der Entnazifizierung in verschiedenen Orten prompt die neu zugewiesenen Vertriebenen und Flüchtlinge die Nazis gewesen waren. Hinzu kamen viele andere soziale, mentale und konfessionelle Probleme.
Das war also alles im Alltag viel schwieriger, als dies die große Erzählung über die mustergültig gelungene ‚Integration der Heimatvertriebenen‘ wahrhaben wollte, die lange als historisches Gegenbild zur angeblich ‚gescheiterten‘ Integration der ‚Migranten‘ diente. Dieser schwierige Integrationsprozess, der für viele eine Art Einwanderungsprozess im gleichen Nationalverband war, ist sehr erleichtert worden durch den Marshallplan und durch das Wirtschaftswunder, zu dem auch die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten selbst sowie die Flüchtlinge aus SBZ und DDR sehr viel beigetragen haben mit ihrer Arbeitskraft. Aber ein Kernproblem war anfangs die Abwehrhaltung der Einheimischen gegenüber den zugewanderten Fremden, auch wenn sie Deutsche waren, bis hin zu der durch schwer verständliche Dialekte ausgelösten überraschten Frage: „Ach, Sie sprechen Deutsch?“

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