Mein trauriges Sisyphos-Erbe

Dankesrede aus Anlass des 80. Geburtstages nach der Vorstellung der Dreigroschenoper, Berliner Ensemble 2012

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Unser wahrer Weg ins Licht ist das Wachstum des BIP. Das müssen wir „auf den Weg bringen“. Ihm müssen wir Bildung und Kultur andienen und weichen. Deswegen müssen wir sie effektiv machen und durchrationalisieren – und privatisieren. Aber wie? Ich glaube nicht, die Berliner Philharmoniker ließen sich führen wie eine Nudelfabrik. Bildung ist zwar alles nur Mögliche, aber doch nicht Zweck, sondern Freiheit. Und Freiheit ist nicht auf den Zweck zu bringen. Also nun wie? Wenn gerade das Wachstum des BIP die Menschheit nicht davor zu schützen scheint, dass ihr ihre wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen gleichzeitig den Weg verbauen, ihm davon rennen, am Ziel sitzen und schreien „Sind schon da“. Nordafrika wächst, und seine schöne große Wüste; mit ihr wächst die allgemeine Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosigkeit der akademisch ausgebildeten Jugend im Maghreb. Sie wächst über das mare nostrum uns zu: Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Ungarn, Rumänien … Russische Musiker arbeiten bei uns mit kurdischen Professoren und persischen Illegalen gemeinsam in der Putzkolonne. Wenn das keine Gemeinschaft ist?! Es nützt nichts, der Regierung zu empfehlen, das Regieren gleich der EZB zu überlassen, oder dem ESF, dem IWF oder dem SFB, überhaupt den Banken, den Märkten, überhaupt am besten dem Zufall. Oder irgendeinem Bettler auf der S-Bahn, in der U-Bahn, auf der Friedrichstraße. Wir sind so unpolitisch in diesem Lande und sind es schon so lange. Politisch waren wir, wenn ich mich entsinne, zuletzt in der zwölf Jahre andauernden Siegesorgie mit dem bekannten Schluss. Und dann, weil es nicht gereicht hat gleich nochmal im K. K., wilde Tänze und wildes Gebrüll aufführend beiderseits der Mauer. Deshalb fällt uns alles mit Politik so schwer. Wir sind schläfrig geworden. Genug.

Ich lebe schon so lange und lebe sicher noch lange. Viele Freunde habe ich lassen müssen. Das war nicht lustig. Und man gewöhnt sich nicht. Sondern die Toten, die ich als lebende bewundert, geliebt, verachtet habe und gehasst und wenig verstand, die Toten wachsen. An einem schönen blauen X-Tag werde ich zu ihnen gehören. Bis dahin werde ich Theater spielen müssen, ich habe nichts anderes gelernt. Mehr gottseidank als leider. Warum soll ich eine Ausnahme sein und nicht ein Narr, wo alles sich närrisch aufführt in dieser närrischen Welt. An Stoff fehlt es nie. Nicht einmal an denen, die zu schwach sind, mich von Herzen zu lieben oder abscheulich zu finden. Theater im Übrigen ist, dabei bleibt es, selbst wenn man es abschafft, nicht wenn man Leute und Bilder nachahmt, sondern wenn das Nie-Erdachte, Nie-Gesehene die Bühne erreicht.

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