Mein trauriges Sisyphos-Erbe

Dankesrede aus Anlass des 80. Geburtstages nach der Vorstellung der Dreigroschenoper, Berliner Ensemble 2012

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Das ist heute mein dritter achtzigster Geburtstag. Wenn es so weitergeht, feiere ich das ganze Jahrmeinen achtzigsten Geburtstag. Dagegen kann ich nicht viel einwenden. Denn ich werde das ganze Jahr geehrt und kriege was geschenkt. Und wenn die Cour im vielleicht schon schönen Monats August 2013 doch ein Ende findet, bin ich ein ganzes Jahr einundachtzig, wenn nicht etwas dazwischen kommt. Dann kriege ich wieder was geschenkt. Und alles was ich bis dahin noch geschenkt kriege, allein die ganzen Lebens-, Segens- und Gesundheitswünsche, „bitte noch nachträglich“, „es geht ja schon wieder“, „Du siehst aber gut aus“, „immer so herrlich gesund“ (und dabei frisst man Pillen und nimmt Tropfen wie ein Weltmeister, stöhnt und flucht unter Schmerzen, trägt Einlagen, Stützstrümpfe, geht an Krücken), sie sind so leicht und wiegen schwer, sind so schwer und wiegen leicht, dass sie durch nichts aufzuwiegen sind. Von meinem für mich leider so unwiederholbaren Achtzigsten aus gesehen, schaue ich bald also verwundert zurück. Und nach vorn mit einem noch mehr verwunderten „Darf ich das?“ Aber es scheint, als gäbe es kein Zurück.

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„Das ist mein trauriges Sisyphos-Erbe: Eine Erb-Seuche, die die Massen ergriff.“ 

Meine Kindheit hatte den Glauben der Märchen. Nach dem Großen Krieg drangen Bomben, Waffen, Panzer, Flieger, Massenheere, unvorstellbare Gräuel, Flüchtlingsströme, Elend ohne Maß und bodenloses Unrecht als Bewusstsein in meinen Kinderglauben. In meinen Kinderglauben war aber zuvor schon die Gier nach Sensation gewachsen. Und die Enttäuschung auch, dass nun der Krieg mit den Toten und Zerwüstungen vorbei war. Das ist mein trauriges Sisyphos-Erbe: Eine Erb-Seuche, die die Massen ergriff. Sie wirkt bis heute nach, als Fernseh-Kriegsbericht (wenn Sie wollen in Echtzeit) und als Werbung für ökologische Pflanzenmargarine bis zur Kampfdrohne, Mehrwertsteuer inklusive. Gestern, oder war es vorvormorgen, las ich in der bedeutendsten Tageszeitung Deutschlands, die Deutsche Bank wolle jetzt vom Hecht zum Karpfen mutieren, schwor die neue Doppelspitze nachdem Ackermann, allen Ernstes. Und ebenfalls in dieser deutschen Tageszeitung las ich dieser Tage, und sah, mit eigenen Augen, eine Statistik, wie zufrieden wir Deutschen im Wettstreit unserer Bundesländer sind. Demnach sind die Schleswig-Holsteiner zufriedener als die Mecklenburg-Vorpommern, und die Baden-Württemberger viel zufriedener als die Berliner, was ja klar ist, und so weiter. Da es sich um eine europäische statistische Erhebung handelte, konnte ich sehen, wie wir Deutsche als Ganzes wiederum sehr viel zufriedener sind als die Griechen, die Spanier oder die andern, die jetzt auf uns zugehen, und uns auf die Füße schreiten. Als ich neulich darüber nachdachte, ob ein Berufsheer, wegen der sicheren Arbeitsplätze, nicht doch viel praktischer ist als früher, mit dem Wehrdienst und mit den Wehrdienstverweigerern und schwachen Jahrgängen (das Vaterland braucht Soldaten), und als ich etwas später hörte, dass sie, als Berufsheer, jetzt sogar im Innern auftreten können, im Notfall, höchstens, im äußersten Notfall. Und WENN sie gerufen werden, aber nur dann! Aber wer ruft sie, wenn es eilig ist? Wir müssen da beim BND fragen! Der erhält an der Chausseestraße den außerordentlich gigantischsten und hässlichsten Gebäudekomplex in der Mitte Berlins, auch gut von oben zu sehen für die Terroristen und die Götter; eine Zwingburg zur Unzeit? Wer weiß. Da dachte ich mir das zusammen: Ist das für den kommenden Aufstand? Vielleicht fragen wir da die Märkte, deren Ratschluss dunkel und unsicher ist. Oder die Wirtschaftswissenschaftler und die Analysten, ihre Priester? Denn wenn es schief geht, haben sie’s schon immer gewusst und sind’s nicht gewesen. Unsere Politiker, so scheint es, schwören auf sie. Wenn auch inzwischen stark zweifelnd. Aber wehe uns, sie tun es selber. (Oder gar wir!) Unsere Politiker kommen immer noch, wahrlich und wahrhaftig, und gegen alle Schwüre, seit zweitausendacht, -neun, -zehn, -elf usw., in den „grünen Bereich“ und geben sich „grünes Licht“ und versichern sich gegenseitig wie Blinde „den Schritt in die richtige Richtung“. Auf dem wahren Weg im Licht, der ihnen so schwer ist, wo fast die meisten Völker In Europa, und woanders auch, dies sei deutlich gesagt, erst einmal, man kann es im Oranienburger Kurier wie Schleswiger Tageblatt lesen, erst „mal ihre Schularbeiten“ machen sollten. Das sagen uns unsere Politiker, alternativlos. Denn sonst helfen sie ihnen! Erst mit dem BND; dann mit dem MAD, nachdem die Untersuchung aller Dienste in Fragen ihrer Verwicklungen in den NSU (keine vergangene Automarke) vorüber und abgeschlossen sind. Die Schule der Welt enthält zu viele faule unzuverlässige Schüler. Kümmern wir uns um sie! Die Welt ruft uns!

Unser wahrer Weg ins Licht ist das Wachstum des BIP. Das müssen wir „auf den Weg bringen“. Ihm müssen wir Bildung und Kultur andienen und weichen. Deswegen müssen wir sie effektiv machen und durchrationalisieren – und privatisieren. Aber wie? Ich glaube nicht, die Berliner Philharmoniker ließen sich führen wie eine Nudelfabrik. Bildung ist zwar alles nur Mögliche, aber doch nicht Zweck, sondern Freiheit. Und Freiheit ist nicht auf den Zweck zu bringen. Also nun wie? Wenn gerade das Wachstum des BIP die Menschheit nicht davor zu schützen scheint, dass ihr ihre wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen gleichzeitig den Weg verbauen, ihm davon rennen, am Ziel sitzen und schreien „Sind schon da“. Nordafrika wächst, und seine schöne große Wüste; mit ihr wächst die allgemeine Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosigkeit der akademisch ausgebildeten Jugend im Maghreb. Sie wächst über das mare nostrum uns zu: Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Ungarn, Rumänien … Russische Musiker arbeiten bei uns mit kurdischen Professoren und persischen Illegalen gemeinsam in der Putzkolonne. Wenn das keine Gemeinschaft ist?! Es nützt nichts, der Regierung zu empfehlen, das Regieren gleich der EZB zu überlassen, oder dem ESF, dem IWF oder dem SFB, überhaupt den Banken, den Märkten, überhaupt am besten dem Zufall. Oder irgendeinem Bettler auf der S-Bahn, in der U-Bahn, auf der Friedrichstraße. Wir sind so unpolitisch in diesem Lande und sind es schon so lange. Politisch waren wir, wenn ich mich entsinne, zuletzt in der zwölf Jahre andauernden Siegesorgie mit dem bekannten Schluss. Und dann, weil es nicht gereicht hat gleich nochmal im K. K., wilde Tänze und wildes Gebrüll aufführend beiderseits der Mauer. Deshalb fällt uns alles mit Politik so schwer. Wir sind schläfrig geworden. Genug.

Ich lebe schon so lange und lebe sicher noch lange. Viele Freunde habe ich lassen müssen. Das war nicht lustig. Und man gewöhnt sich nicht. Sondern die Toten, die ich als lebende bewundert, geliebt, verachtet habe und gehasst und wenig verstand, die Toten wachsen. An einem schönen blauen X-Tag werde ich zu ihnen gehören. Bis dahin werde ich Theater spielen müssen, ich habe nichts anderes gelernt. Mehr gottseidank als leider. Warum soll ich eine Ausnahme sein und nicht ein Narr, wo alles sich närrisch aufführt in dieser närrischen Welt. An Stoff fehlt es nie. Nicht einmal an denen, die zu schwach sind, mich von Herzen zu lieben oder abscheulich zu finden. Theater im Übrigen ist, dabei bleibt es, selbst wenn man es abschafft, nicht wenn man Leute und Bilder nachahmt, sondern wenn das Nie-Erdachte, Nie-Gesehene die Bühne erreicht.

Quelle: https://www.theaterderzeit.de/index.php/buch/he%2C_geist%21_wo_geht_die_reise_hin%3F/32483/komplett/