Geheimnistheater

von

Diskrete Zweckverbände: das geheime Leben der Organisation
Eine zweite Ebene des Geheimen, die Top Secret International durchzieht, betrifft die Operationen und Organisationsprozesse von Geheimdiensten selbst. Wie üblich bei Rimini Protokoll, beruht das Stück auf den Ergebnissen einer bemerkenswerten Recherchearbeit, diesmal im Geheimdienst- und Überwachungssektor und bei seinen politischen Kontrollorganen. Es ist als Montage aus Geschichten, Erfahrungen und Einschätzungen von Geheimnisexperten konstruiert, die von diesen selbst erzählt und auf der Tonspur in die Räume der Glyptothek verpflanzt werden. Als Lernender erfahre ich eine Menge über das Kampffeld klandestiner Einsätze und ihre organisationalen Bedingungen auf meiner Tour durch das „zweitälteste Gewerbe der Welt“. – „Es gibt keinen sauberen Nachrichtendienst“, berichtet ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Es sei ein schmutziges Geschäft, in dem gelogen, verraten, betrogen und korrumpiert werden müsse. Die Organisation des Geheimdienstapparates ist somit selbst von Verschleierung und Verhüllung geprägt. Das gilt einerseits für die externe Aufsicht: Ein Mitglied eines deutschen parlamentarischen Untersuchungsausschusses berichtet von weitreichender Intransparenz. Wie viel Geld wofür ausgegeben werde, stehe nicht im Bundeshaushalt, und wenn man mal ein Dokument zu Gesicht bekomme, sei der Großteil der Seiten geschwärzt. Das gilt aber auch für die internen Abläufe. Ein ehemaliger israelischer Botschafter erzählt, dass Spitzel mit Diplomatenpass in Botschaften arbeiteten und von dort aus in wiederum anderen Ländern aktiv würden, ohne dass die Botschaftsleitung darüber informiert sei oder wissen könne, wen das betreffe. Ein griechischer Agent sagt, er würde nie erfahren, warum er eine spezifische Mission habe. Und die Nacherzählung eines Einsatzes zur Ausspionierung eines Waffendepots in Libyen ist insbesondere wegen der Unsicherheit und Unentscheidbarkeit, die diese geheime Mission prägen, genauso fesselnd wie furchterregend.
Auch hinsichtlich des Zusammenhangs von Organisation und Geheimnis lohnt die Lektüre Simmels. Die formale Organisation bzw. der „Zweckverband“, so schrieb er, sei die „schlechthin diskrete soziologische Formung“ (S. 392). Damit ist die Form des Geheimnisses konstitutiver Organisationsmodus, und das Strukturprinzip der Organisation verkörpert die Form des Geheimnisses (Costas u. Grey 2016). Schon die hierarchische Ordnung bestimmt ja Zonen des Wissens und Nicht-Wissens: Indem sie festlegt, wer wann was zu entscheiden hat, eröffnet sie daneben einen opaken Raum der Informalität, der Kontingenz und der Intransparenz. Mit Bezug auf bürokratische Herrschaft hat Simmels Zeitgenosse Max Weber zudem darauf hingewiesen, dass „jede Bürokratie“ mit dem Machtmittel der Geheimhaltung arbeite und ihr Wissen und Tun zu verbergen suche, „soweit sie irgend kann“ (Weber 1972: 572). „Der Begriff des ‚Amtsgeheimnisses’ ist ihre spezifische Erfindung, und nichts wird von ihr mit solchem Fanatismus verteidigt wie eben diese […] Attitüde“ (S. 573).
All das gilt allzumal für die Organisationen, die in Eva Horns Worten „zugleich die Anrüchigkeit wie die Effizienz des Geheimnisses in der Politik der Moderne verkörpern“: die Geheimdienste (Horn 2007: 126). Hier ist das „bewußt gewollte Verbergen“ verdoppelt: Es ist nicht nur konstitutiv für die Organisation, sondern ihr Existenzzweck. Und das wiederum in einem Doppelsinne, geht es doch um die Enthüllung der Geheimnisse anderer für die Produktion wiederum geheimen Wissens. In solch „geheimen Gesellschaften“, wie Simmel das genannt hat, „ist das Geheimnis soziologischer Selbstzweck, es handelt sich um Erkenntnisse, die nicht in die Menge dringen sollen; die Wissenden bilden eine Gemeinschaft, um sich gegenseitig die Geheimhaltung zu garantieren“ (Simmel 1992: 433). Mit diesem Organisationsmodus geht ein „Pathos des Geheimnisses“ einher (S. 440), das die Aussagen so mancher Experten durchzieht, die in Top Secret International zu Wort kommen. Dieses Pathos übersetzt sich in eine „Gesamtbeanspruchung des Individuums“ (S. 438) als organisationalen Akteur und damit in ein hohes Maß an Unterworfenheit oder an Aufgehen in der Organisation, an „Entindividualisierung“, „Entselbstung“ und „Nivellierung“ (S. 451), wie sie in einigen der Erzählungen der Inszenierung anklingt. Das Geheimnis wird hier zum primären Treibstoff des Organisierens: Es bestimmt, wie Organisationsmitglieder handeln und sich aufeinander beziehen.

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