Die Klänge der Produktion

„Ein Werk verschwindet“ in dem Film von Hofmann&Lindholm

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Foto Hofmann&Lindholm
Foto Hofmann&Lindholm

Der erste Blick ist bereits ein melancholischer. Noch zwitschern die Vögel, doch die Dämmerung hat sich bereits über dem Opel-Werk I in Bochum-Langendreer ausgebreitet. Die Fassade ist noch gut zu erkennen. Flügelbauten und Werkshallen versinken allerdings schon im schwärzlichen Dunkel. Der Blick auf das Werk korrespondiert im Gegenschuss mit der Einstellung vom Dach herab auf die Stadt. Werk und Stadt mögen vielschichtig aufeinander bezogen sein, der Schnitt trennt sie bereits: Jetzt geht auseinander, was früher einmal zusammengehörte.

„Ein Werk verschwindet“ lautet der Titel des Kurzfilms, den das Duo Hofmann&Lindholm zum DETROIT-PROJEKT beigesteuert hat. Im Zentrum des einjährigen Veranstaltungsreigens steht die Frage, was die Schließung des Bochumer Opel-Werks für die Identität der Stadt, aber auch für den Begriff der Arbeit und für die Kunst bedeutet. Hannah Hofmann und Sven Lindholm interessieren sich allerdings nicht für die Folgen der Schließung, sondern allein für den Akt des Verschwindens. Wie können fünf Millionen Kubikmeter umbauter Raum, wie können 1,71 Megatonnen Gewicht sich in Luft auflösen? Vor dem Werkstor steht ein weißes Zelt, in dem sich Zuschauer versammeln, um dem gewagten Experiment beizuwohnen: durch kollektive Imagination den riesigen Werkskomplex in Nichts aufzulösen. Die Schauspielerin Bettina Engelhardt gibt die Moderatorin, Raiko Küster den Live-Reporter vor Ort; überall sind Kameras installiert, eine Drohne kreist über den Gebäuden. Es gibt sogar eine Schalte zum Radar im Institut für Experimentalphysik der Uni Bochum. Hofmann&Lindholm nutzen das gesamte Besteck der Live-Reportage, um ihrem fiktiven Projekt einen dokumentari- schen Anstrich zu verleihen. Da dürfen dann auch animierte Graphiken natürlich nicht fehlen, die unterschiedliche Verfahren des Verschwindens demonstrieren: Transportieren etwa Frachthubschrauber das Werk ab? Wird es in den Boden abgesenkt oder gar per Spiegelkonstruktion unsichtbar? Unterbrochen wird die faktengesättigte Präsentation allerdings durch irritierende Zwischenschnitte ins menschenleere Werksinnere, wo Maschinen in mechanischer Seelenruhe und unter ohrenbetäubendem Lärm Bleche stanzen.

Dass das Zelt auf der einen Seite mit einem Vorhang versehen ist, der den Blick auf die Fassade des Opel-Werks enthüllt und verbirgt, verweist auf das illusionistische Moment des Versuchs. Mag auch der Film als Medium mit „imaginierten Räumen“ (Martin Seel) operieren, mag das Erscheinen (und das Verschwinden) im Theater eine zentrale Rolle spielen – hier geht es um einen wilden Zaubertrick, der sich den Anstrich der Glaubwürdigkeit gibt. Pate stand offensichtlich der Magier David Copperfield, der 1983 während einer Live-Show die Freiheitsstatue verschwinden ließ. Und als Showact ist in dem kurzen Film auch das Verschwin- den des Opel-Werks inszeniert. Bettina Engelhardt setzt den Countdown in Gang und befragt die Zuschauer, die ihre Überzeugung oder ihre Zweifel am Gelingen äußern. Dass die Welt angeblich noch in Ordnung ist, wie die Moderatorin meint, klingt allerdings zynisch. Raiko Küster nimmt uns mit ins Innere der Werkshallen und schreitet dort menschenleere Gänge ab: Während sich die Mitarbeiter angeb- lich in der Kantine versammelt haben, arbeiten die Maschinen in Bochum-Langendreer unermüdlich weiter: Die Klänge der Produktion werden nicht verstummen. Das lässt sich als Verweis auf das Konzept der Industrie 4.0 oder auf die Ästhetisierung der Produktion interpretieren. Raiko Küster erinnert nicht umsonst mit seinem Stepptanz an Charlie Chaplin in seinem Film „Modern Times“.

Der Akt der kollektiven Imagination, den Hofmann&Lindholm in ihrem Kurzfilm schließlich vorführt, hat einen bitteren Beigeschmack. Es sind nicht der Moderator und der Reporter, auch nicht das Künstlerduo, die das Werk verschwinden lassen. Es ist die Imagination der Bürger selbst, die schließlich für die erfolgreiche Tabula rasa sorgt: Scheinwerfer schweifen schließlich über einen leeren Platz, wo das Werk gestanden haben soll. Die Personalunion der Besucher als Zuschauer und Akteure und die Begeisterung nach dem erfolgreichen Trick erzählt vom Voyeurismus wie von nicht wahrgenommener gesellschaftlicher Verantwortung. Und failing cities sind eben meist Städte, in denen Verantwortungsgefühl und Widerstand ausdünnen bis zu kaum noch wahrnehmbaren Spurenelementen. Darin liegt die Kritik des Films. Am Ende hat die Stadt Bochum einen Teil ihrer Identität selbst vernichtet. Doch alles nahm schließlich seinen Ausgang in Detroit und es war der Politikwissenschaftler Benjamin Barber, der einmal von „Identität durch Imagination“ als permanenter amerikanischer Selbsterschaffung gesprochen hat. Werde, was du sein willst. Was sich durch Imagination zerstören lässt, lässt sich vielleicht auch imaginativ neu erschaffen. Hier ist nicht Detroit, aber immerhin Bochum.//

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