Ein sozialistisches Faust-Bild

von

Becher wendet Lenins Idee auf deutsche Verhältnisse an und tut dies ebenso aus kalkuliertem, politischem Movens. Frühere Forderungen seiner Genossen und auch seine eigene vormalige Position, die sich für die radikale Abkehr von jeglicher bürgerlicher Kultur ausgesprochen haben, werden endgültig umgedreht.65 In der Allianz gegen den aufkommenden Faschismus solidarisieren sich die KPDler mit den vorher als bourgeois verachteten Sozialdemokraten, welche ihrerseits die Bedeutung der Klassik schon früher für ihr politisches Programm entdeckt hatten. Die antibürgerlichen Attitüden der 1920er Jahre gehen auf in einer „geradezu mythische[n] Verknüpfung kommunistischer Kultur- und Gesellschaftspolitik mit klassisch-bürgerlichem Gedankengut“.66

Georg Lukács verfestigt die Orientierung des Erbe-Begriffs an sowjetischen Vorbildern, indem er 1931 ein „realistisches, gestaltendes Erbe“67 zugunsten eines dekadent-bourgeoisen aufwertet. Die Debatte wird während der Nazidiktatur im Exil zwischen Lukács, Bloch, Eisler und Brecht weitergeführt. Letztlich gehen Lukács’ Positionen daraus als prägend für das zukünftige Kulturprogramm der SBZ hervor. Im Gepäck der 1945 nach Berlin zurückkehrenden Gruppe Ulbricht findet sich somit ein exaktes, theoretisches Kulturprogramm. Bedingt durch das Fehlen einer praktizierten, deutschen, sozialistischen Gedächtniskultur, denn diese war bisher lediglich Gegenstand einer theoretischen Debatte, ergibt sich die dringende Notwendigkeit, die Erkenntnisse der Erbe-Theorie im alltäglichen Leben der Bürger der SBZ greifbar zu machen und zu verankern. Das Erbe soll ein Grundstein der neuen Gesellschaft werden. Das „narrating the nation“ der DDR wird zur Mission für die Kulturpolitik. Die neuzugründende DDR bietet den linken Intellektuellen sozusagen einen leeren Arbeitsraum, ein neu zu erschließendes Identitätsfeld. Die materiell und ideell verwüstete SBZ kann eine Art Grundmuster einer Nationalkultur als imaginierter Gemeinschaft („imagined community“68) abgeben, denn ihre identitäre Existenz beginnt als reine Spekulation, als theoretische Definition. Der Prozess des Erfindens kultureller Tradition („the invention of tradition“) muss unter schwierigen Bedingungen und praktisch „aus Ruinen“ heraus, wie es in der späteren DDR-Hymne heißt, geschehen. Jan Assmann beschreibt kollektive Identität als reflexiv gewordene gesellschaftliche Zugehörigkeit. Durch das Imaginieren von greifbar und im Ritual auch erlebbar gemachten Selbstbildern konstruieren Gesellschaften über die Generationenfolge eine Identität, indem sie eine Kultur der Erinnerung ausbilden.69 Es erscheint fraglich, ob ein solches „kulturelles Gedächtnis“ durch die Bemühungen der Sozialisten für die ostdeutsche Gesellschaft tatsächlich so effektiv und schnell wie geplant konstituiert werden kann. Die Funktion eines „Organ[s] außeralltäglicher Erinnerung“70, das ein Selbstbild einer Gemeinschaft abzubilden in der Lage ist, kann das von oben aufgesetzte Konzept vom kulturellen Erbe in den ersten Jahren nach Staatsgründung wohl weder für die UdSSR noch für die DDR erfüllen. Es handelt sich bei diesem Programm, das sich später in der Vollstrecker-These oder dem Bitterfelder Weg in vielen gesellschaftlichen Bereichen auswirkt, vielmehr um eine Blaupause, einen Bauplan, der zudem auch innerparteilich immer wieder in die Diskussion gerät. Das kulturelle Erbe wirkt für die Menschen zunächst wie eine übergestülpte, kulturelle Käseglocke. Das, was in pathetischen Klängen zu offiziellen Anlässen verkündet wird, ist keineswegs mit tatsächlicher ostdeutscher Nachkriegsidentität zu verwechseln. Unter Einfluss der aus der Konsequenz der Erbe-Theorie sich entwickelnden staatlichen Maßnahmen kann im Laufe der Jahre allerdings durchaus ein Reflexivwerden der eigenen Zugehörigkeit zum SED-Staat in der Bevölkerung Form annehmen. Die Verarbeitung der Umstände der eigenen Situation wird nicht zuletzt durch Künstler vorangetrieben, denen, gestützt durch ihren Erziehungsauftrag, im Arbeiter- und Bauernstaat besonderes politisches Gehör gesichert scheint. Die Spitzen der DDR-Kultur sind dabei zumindest zum Teil frei von staatlicher Ideologie. Die aus diesem Prozess hervortretenden Desiderien ließen sich möglicherweise als (alternative) DDR-Identität bezeichnen. Diese Art von Identität wird zwar durch das kulturelle Selbstbild der SED beeinflusst, verlangt aber schon durch die frühe politische Opposition im Innern bald nach eigenen Ausdrucksformen und findet diese auch. Beide Identitäten, die staatlich idealisierte des sozialistischen Aufbaus und die sich selbstständig entwickelnde, („echte“) ostdeutsche Identität, sind imaginierte Größen, die sich am Umgang und in der Bewertung von Kultur ablesen lassen (Hall).71 Der Begriff des kulturellen Erbes sozialistischer Staaten lässt sich vielleicht am ehesten beschreiben als Erwartungshorizont der linken Intellektualität im Nachdenken über die Eignung von Literatur und Kunst zur Vermittlung marxistischer Ideale und der Konstruktion sozialistischer Identität an eine noch zum Sozialismus zu erziehende Bevölkerung. Die Verlockung, auf die Seite der „Sieger“ der Geschichte wechseln zu können, macht im antifaschistischen Konsens das klassische Erbe für die von der SED adressierte Bevölkerung allerdings auch attraktiv. „Die Favorisierung des klassischen Erbes dabei war keineswegs nur eine taktische Spekulation […], sondern sie war die politische Entscheidung für eine nationale Tradition, mit der man glaubte, Mehrheiten erreichen [zu ] können.“72

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