- Anzeige -

Ein sozialistisches Faust-Bild

von

Das Ergebnis der Exildebatte stellt konsequenterweise Weimar und die deutsche Klassik im Wortsinn ihrer Vorbildlichkeit (lat: classis) in das Zentrum der Kulturpolitik. „Klassik als nationale Parole“73 wird Teil der Selbstlegitimation der sich als SED formierenden Partei. Noch vor Staatsgründung der DDR wird 1949 nach dem Wiederaufbau der klassischen Stätten in Weimar mit einer spektakulären Feierlichkeit anlässlich Goethes 200. Geburtstag der Dichter „als Denkmal etabliert“74 und gleichzeitig zu einer Art „Taufpaten der DDR erhoben“.75 Dieses Goethe-Fest erinnert in seiner politischen Aufladung an die Schiller-Feiern von 1859. Der nationale Gründungsprozess der DDR fußt, glaubt man zumindest den feierlichen Reden vor dem Nationaltheater, auf konstituierenden, kulturellen Elementen.76 Der wesentliche Unterschied muss sicher darin zu sehen sein, dass im 19. Jahrhundert eine breite Schicht der Bevölkerung eine nationale Identität empfindet und ihren Ausdruck in politischer Zusammengehörigkeit eines Staates auf der Folie eines gemeinsamen Schiller-Erlebnisses demonstriert, während 1949 weite Teile der Bevölkerung schlicht von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur traumatisiert ein nationales Empfinden erst neu wiederentdecken müssen und nur wenige, politisch geschulte Initiatoren die Veranstaltung in Weimar als ein symbolisches Bild von oben inszenieren. „Vorwärts zu Goethe und mit Goethe vorwärts“77 ist dann das passende, von Johannes R. Becher geprägte Schlagwort. Im Anklang an den Schlussmonolog des Faust II wird in Bechers Rede der in der DDR noch oft mantra-artig zitierte Passus vom „freie[n] Mensch auf freiem Grund“ sogar zur geschichtlichen Vision eines „Wiederaufstehen unseres Volkes“.78 Petra Stuber erkennt darin einen Ansatzpunkt für den später gefühlten Idealismus in der DDR, man sei das eigentlich bessere Deutschland.79 Man beruft sich auf Faust in seiner Eigenschaft als deutscher Mythos, zwar unter anderen Vorzeichen, aber mit demselben Zweck wie bereits Trithemius oder Luther und die Bismarcktreuen im Kaiserreich es taten. Unter diesem Blick erscheint auch Ulbrichts Faust-Begeisterung als kalkuliert.

Ich denke, es ist ein Symbol, daß das Kommunistische Manifest von Karl Marx und der Faust von Goethe die Lieblingswerke der Sozialisten sind. Ja, auch der Faust ist unser Lieblingswerk, weil Goethe den Kampf zwischen dem Alten, Mystischen, schon der Vergangenheit angehörenden und dem Neuen, Fortschrittlichen dargestellt hat. Die Dialektik der Entwicklung in Goethes Faust enthält das Wesen jenes großen Kampfes den wir in Deutschland führten und zum Sieg führen werden. Das heißt, nur die deutsche Arbeiterklasse und die Nationale Front des demokratischen Deutschland können die hohen Ideen Goethes endgültig zum Sieg führen.80

Unter Ulbrichts Wertschätzung avanciert Faust zum wichtigsten Text kultureller Erbmasse der jungen DDR. Er wird zur „Nationaldichtung par excellence“ (Mandelkow).81 Der schuldhafte Faust, der indessen in der jungen BRD im Zuge der Bekanntwerdung des Ausmaßes der Kriegsverbrechen zu einem neuen Zentrum der Interpretation aufrückt82, gilt in der marxistischen Philologie, die sich als Sieger über den Faschismus begreift, vor allem bei Lukács („die gleichzeitige Setzung und Aufhebung des Tragischen.“)83 als geschichtlich überwunden.84 In der Folge entwickeln führende SED-Politiker an Goethes Faust ein Vorbild des sozialistischen Menschen und der sozialistischen Lebensweise. Alexander Abusch nennt ihn den „große[n] positive[n] Held des klassischen deutschen Nationaldramas“.85 Die Goethe-Interpretation der SED-Politiker, allen voran Walter Ulbricht, belegt im Folgenden eine gewisse historische Naivität, die sich in ihrer emphatischen Begeisterung tatsächlich die Geburt eines neuen, echten Humanismus ausmalt und die Wirkungsmöglichkeiten von Literatur und Kunst weit überschätzt. Sie wird andererseits aus der Not heraus geboren, das eigene Programm auch im Sinne der sowjetischen Besatzer autorisieren zu müssen. Noch 1949 wird hingegen mit Faust eine deutsche Einheit propagiert, die im Angesicht der politischen Entwicklung längst irreal geworden ist.86

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Christine Wahl

Christine Wahl

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Dorte Lena Eilers

Dorte Lena Eilers